142
Schwarzes Bret
und was für den Leser wichtiger ist, die Lage der Lahnarbeiter in Stadt und Land kennen zu lernen. Er beschreibt die Lebensverhältnisse der Arbeiter, erörtert die Ursachen der Proletarierkrankheiten, beleuchtet die Kriminalität der untern Klassen und die Unzweckmäßigkeit unsers Strafsystems, stellt das Verhalten der herrschenden Klaffen gegen den vierten Stand dar und folgert daraus die Notwendigkeit einer Vertretung dieses Standes, wie sie dieser in der Sozialdemokratie, und bisher nirgend anderswo, gesunde» hat. Es ist das warme Herz und das Gewissen, was dem Verfasser die Feder in die Hand gedrückt hat, obwohl ihm sein Beruf zum Schreiben eigentlich keine Zeit läßt. Aber nicht darin besteht der Wert seiner Schrift, sondern in der über jeden Zweifel erhabnen Zuverlässigkeit dessen, was er beschreibt. Er teilt nichts mit als Diuge, die er mit eignen Augen gesehen hat; jeder Arzt, der Arbeiter und Arme zu Kunden hat, wird sagen: so ist es! Höchst unangenehm sind solche Einzelschildernngen den Vertretern des Kapitalismus; sogar aus den Jahresberichten der Gewerberäte suchen sie das Individuelle, was meuschliche Teilnahme erwecken könnte, möglichst fernzuhalten; nur mit großen Zahlen: mit den Millionen, um die sich das Volkseinkommen im allgemeinen oder das Arbeitereinkommen erhöht hat, oder die für die Arbciterversicherung aufgewendet worden sind, oder die auf Schnaps, Bier und Tabak ausgegeben werden, wallen sie operiren. Aber gerade diese großen Zahlen sind ganz wertlos, wenn sie nicht durch Einzeldarstellungen ergänzt werden, aus denen man die Lebenslage der verschiednen Klassen erkennt, die das statistische Material geliefert haben. Denn Träger und Endzweck der Volkswirtschaft wie des Staates ist der einzelne Mensch; wie die Mehrzahl der einzelnen Menschen lebt und sich befindet, wie sie mit ihrer Lage zufrieden ist, davon hängt das Urteil über den gegenwärtigen Gesellschaftsznstand und die Gestaltung des zukünftigen ab. Wer in beiden Beziehungen nicht irren will, der nehme Bücher wie das vorliegende zur Hand, die ein reichliches Thatsachenmaterial nnd wahrheitsgetreue Einzelschilderungen enthalten.
Schwarzes Bret
In Heft 41 der Grenzboten heißt es, die vielbeneidete altpreußische Disziplin habe im Heere unter dem Wehen des neuen Geistes an Lebenskrast verloren. Ganz recht, aber nicht bloß im Heere, auch in der Schule schon treibt der neue Geist sein Unwesen. Wer wagt es denn noch, einen Schüler streng zu behandeln? Weder Lehrer, noch Behörden. Da haben neulich die Abiturienten eines prenßischen Gymnasiums an demselben Tage, wo sie geprüft worden waren, einen großen Kommers veranstaltet und sind dabei unflätig über ihre Lehrer hergezogen. Ein Kaufmann, der zu dieser Festlichkeit eingeladen worden war, war darüber so empört, daß er es dem Direktor anzeigte. Der wagte aber nicht, die Sache selbständig zu entscheiden, denn Selbständigkeit haben ja die Direktoren heute nicht mehr; er berichtete an das Prvvinzialschnlkollegium, Nach vierzehn Tagen banger Erwartung kam das Urteil, es solle jedem Teilnehmer ein Vermerk ins Zeugnis gesetzt werden. Wie mögen die Schuldigen gelacht haben, als sie diese Entscheidung hörten! Berschiedne Ministerialverfügnngen bedrohen