Die Socialdemokratie und das Heer
or einiger Zeit ging durch die Presse die Nachricht, daß sich Soldaten eines sächsischen Regiments geweigert hatten, das in ihrer Kantine verschenkte Vier zu trinken, da es von der sozial- demokratischen Partei boykottirt sei. Wie gewöhnlich in solchen Fällen, wurde diese Meldung — für das Aufsehen, das sie erregt, übrigens recht spät — widerrufen, aber man kann auch hier sagen: Köinpör ii!iciui<> KiKzrot, und mag auch die Nachricht erfunden sein, das Vorkommnis dient als Illustration zu der leider nicht mehr abzuleugnenden Thatsache, daß die sozialdemokratischen Lehren auch im Heere bereits Eingang gefunden haben.
Diese Erkenntnis muß auf viele überraschend und ans alle Gutgesinnten tief betrübend wirken. Denn bisher war es dem friedliebenden Philister immer ein so schöner Trost, wenn abends am Biertisch auf die Gefahren der Sozialdemokratie die Nede kam, mit Stolz auf das Heer hinweisen zu können, auf das Bollwerk, woran alle Umsturzbestrebungen zerschellen würden. Nun sieht er zu seinein Kummer auch dieses Heiligtum entweiht, die letzte Hoffnung vernichtet und sinnt vergebens auf ueue Mittel, das drohende Verhängnis aufzuhalten.
Ist aber unsre Lage wirklich so schlimm? Müssen wir wirklich der Partei das Feld räumen, die immer mächtiger anwachsend, den herrschenden Klassen den Krieg erklärt hat und nur uoch aus günstige Gelegenheit wartet, die heutige Gesellschaftsordnung, Recht und Gesetz über den Haufen zu stürzen? Haben wir kein Mittel mehr, uns ihrer zu erwehren?
Fast will es so scheinen. Bis jetzt wenigstens ist trotz vieler schönen Reden herzlich wenig erreicht worden. Kirche und Schule, die doch die berufensten Führer iu diesem geistigen Kampfe sind, haben vollständig versagt. Grenzboten >V IM4 7'