Der Kampf für Religion und ^>itte
er Aufruf des Kaisers „zum Kampfe für Religion, Sitte und Ordnung" in seiner Königsberger Rede hat in der deutschen Presse einen starken Wiederhall gefunden. Nicht nur die konservativen, auch die liberalen Zeitungen haben unter dem ersten Eindruck der Rede die Notwendigkeit dieses Kampfes ins hellste Licht zu stellen versucht, und nur die radikalen Blatter sprachen wohl spöttisch von einem neueu Kreuzzuge, diesmal nicht gegen die Heiden des fernen Orients, sondern gegen die im eignen Lande. Nachträglich verwahrte man sich dann freilich gegen die Wiederaufnahme der Zedlitzschen Schulgesetzentwürfe und riet dem liberalen Bürgertum, an das sich die kaiserliche Rede keineswegs gewandt hatte, sein Pulver trocken zu halten. In der That ist auch nicht gut einzusehen, wie sich der landläufige Liberalismus an dem ueuen Kreuzzuge beteiligen sollte; nur sür die Ordnung kann er mit ruhigem Gewissen eintreten, da sie in seinem allereigensten Interesse liegt. Die Religion aber ist ihm, wie er, wenn er ehrlich sein will, eingestehen muß, schon lange Privatsache gewesen wie den Sozialdemokraten, und über die Sitte hat er sich nie viel Gedanken gemacht, sondern alle ethischen Fragen durch die Erfindung der sittlichen Welt- ordnuug, die uur von dem Einzelnen gestört werde, aufs allerbequemste abgethan. Es ist aber sehr bezeichnend für den Mannesmut, der unser deutsches Bürgertum erfüllt, daß es auch nicht einer der unzähligen Atheisten und Pantheisten, Skeptiker und Jndifferentisten, die es in seinen Reihen zählt, und die zweifellos in der liberalen Presse das große Wort führen, gewagt hat, gegen den Kreuzzug überhaupt zu protestireu, offeu zu erkläreu, daß es jeder deutsche Protestant mit der Religion zu halten habe, wie es ihm sein Gewissen vorschreibe, und daß er auch über den eignen sittlichen Wert keinen Nichter dulde als dieses. Ehemals war das anders. Auf einer österreichischen Naturforscherversammlung, Grenzboten IV 1894 1