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Der verrückte Flinsheim
wicht — diese Frage bildet den maßgebenden Gesichtspunkt, vvn dem aus wir dem Problem nahertreten — die allgemeinen Gesichtspunkte, aus denen sich der kritische Vorrang der Originaldrucke lutherischer Schriften ableiten läßt, sind folgende u. s. w.
In allen diesen Beispielen ist von dem Bilde, das in dem Worte Gesichtspunkt liegt, keine Spur mehr zu finden. Es bedeutet etwas gauz andres, es steht für Umstand, Thatsache, Grund, Ansicht, Gedanke, ja bisweilen steht es für — gar nichts, es wird, ebenso wie Moment und Faktor, als bloßes Klingklangwvrt gebraucht. Oder bedeutet der Satz: „zum Schluß möchte ich noch zwei Gesichtspunkte berühren" im geringsten etwas andres als: zum Schluß möchte ich uoch zweierlei berühren?
Infolge des fortwährenden Mißbrauchs ist es denn auch glücklich dahiu gekommen, daß dieses Wort, das ein so klares und deutliches Bild enthält, und das bisweilen kaum zu entbehren ist, geradezu einen lächerlichen Beigeschmack angenommen hat, uud daß man es in der Unterhaltung kaum noch anders als ironisch gebraucht.'") Eine weitere Folge ist die, daß nun gewisse Leute, um das lächerliche Wort zu vermeiden, es neuerdings durch Gesichtswinkels) ersetzt haben, was nun freilich wegeu seiner verkehrten mathematischen Vorstellung gleich vou vornherein dem Spott verfallen ist.
Ja, unsre Sprache verschönert sich von Jahr zu Jahr. Unsre Vorfahren hatten Gedanken. Die haben wir ja auch noch ab und zu, aber meistens haben wir doch „Gesichtspunkte." Unsre Nachkommen aber werden wahrscheinlich nur noch Gesichtspunkte besitzen.
Leipzig G. w.
Der verrückte Flinsheim
von Charlotte Niese (Schluß)
ls der Gottesdienst' begann, saß Propst Madsen mit verdrießlichem Gesichte neben mir. Er hatte schlecht geschlafen, wie er mir zuflüsterte, der Kaffee war schlecht uud das Brot noch schlechter gewesen. Er gähnte viel, während sich die Kirche langsam füllte, und sah aus, als wenn er den versäumten Schlaf nachholen wollte. Ich betrachtete mir Ludolfs Zuhörer, die langsam und be-
*) Ein verstorbner Leipziger Buchhändler, der allerdings ein Schalk war durch und durch, meinte, er müsse bei den ewigen Gesichtspunkten immer an Sommersprossen denken.