Heinrich Heine
595
allen Kulturgütern, und daß sie, um den Dciseinskampf nicht aufs neue zu entzünden, darauf verzichten würden, mehr Kinder zn zeugen, als zur Erhaltung des Bestandes nötig wären. Kurz, auch er kvmmt, wie jeder Utopist, beim „Zuchthause"") an, bei einein Zustande, wo jedem sein sichres Auskommen ohne Kampf durch die Verzichtleistuug auf die Freiheit gewährleistet wird, und wo die gleichmäßige Einschränkung aller durch alle jene vollkommne Gesittung erzeugt, deren Spiegelbild in den Seelen wenigstens die vollkommne negative Sittlichkeit sein würde, wenn ohne Freiheit überhaupt Sittlichkeit möglich wäre. Hätte also die Kulturentwicklung einen Abschluß, und wäre dieser Abschluß ihr Endzweck, so müßten wir uns dem idealistischen Pessimismus ergeben. Das haben wir jedoch nicht nötig, weil wir glauben, daß der Endzweck der Kulturentwicklung nicht erst an ihrem zeitlichen Ende, sondern in jedem ihrer Abschnitte für die darin lebenden Menschen erreicht wird. Ein Weltprozeß, worin ich nicht auf die Rechnung komme, auf den pfeife ich, so sagt jeder gesunde Juuge, der sich eines klaren Kopfes erfreut. Was man Entwicklung nennt, ist nur eine Reihe von Wandlungen, die jedem der gerade lebenden bewußten Wesen zur Verwirklichung seines Daseinszwecks verhelfen."")
Doch das sind Einwendungen vom Standpunkte der Philosophie und des subjektiven Geschmacks, die unsre Politiker nichts angehen. Von diesen wünschen wir dringend, daß sie aus dem gediegnen Werke Weisheit schöpfen, nur nicht gerade eine einseitige Parteiweisheit in dem oben angedeuteten Sinne.
Heinrich Heine
Noch ein Beitrag zu dem Streit nm sein Venkmal (Schluß)
ir wollen nicht von Heine dem Satiriker scheiden, ohne die Gestalt zu erwähnen, an die, im komischen Gegensatz zu seiner sonstigen Anmaßung, sein Witz sich nicht wagte, obwohl er sonst nichts auf Erden und im Himmel verschonte, Gott selbst nicht ausgenommen. Mit kindischer Bewunderung und abgöttischer Verehrung hing der deutsche Dichter an ihr — es war Napoleon I. Man
*) Der Kaninchenstall, den die Phantasie des Freiherrn von Stumm noch drangebaut hat, läßt sich in keine logische Berbindnng mit dem Zuchthause bringen.
Wenn Ratzeuhofer lehrt, daß ein idealistischer Optimismus, der z.B. den ewigen Frieden für ein leicht uud bald zu erreichendes Ziel hält, den praktischen Politiker irre führe, so stimmen wir ihm hierin wieder bei.