schwarzes Bret
An der schönen blauen Donan erscheint ein Blatt mit dem hochtönenden Titel: Allgemeine Künstler- und Schriftsteller-Zeitung, thatsächlich ein bescheidnes Sammelsurium von allerlei Nachrichten, bei denen überall die geschäftliche Seite herausguckt. Aber am Schluß jeder Nummer kommt eine zweispaltige Novelle („Nachdruck verboten!"), bei deren Genuß (ich undankbarer Mensch bekomme nämlich das Blatt ohne Gnade umsonst zugesandt) ich stets die Vorstellung ausspinne, daß etwa einmal eine Schar von Kellnern den Scherz veranstalte, sich von ihresgleichen mit gravitätischer Miene bedienen zn lassen. Das Thema ist natürlich stets „aus dem Künstler- und Schriftstellerleben," d. h. entweder sinds Klagen über schlechte Geschäfte oder Erinnerungen an die Zeit, wo das Geschäft noch nicht so gut ging. Aber nnn bringt die letzte Nummer doch eine rührende Ausnahme. „Edgar Kovats" bekennt, daß er bis zur Stnnde keinen Schimmer vou Lenau gehabt hat. „Ich kenne diesen Lenan — mit Ausnahme seiner »Werbung« und einigen (gen!) Kleinigkeiten, die man uns in der Schule beigebracht — gar nicht." Er wohnt zwar in einem Hause, wo Lenau viel verkehrt hat, aber das ist ihm wie Schulze oder Müller gewesen. Nnn hat er sich aber nm Lenau kümmern müssen. Denn Ludwig Hevesi, „der vielwissende (!) Mann," und noch einer haben für Kovats Reklame gemacht, was hier breitspurig wieder abgedruckt wird, und ihn dabei mit Lenau verglichen. Da hat er sich denn „einen Lenan" gekauft und ihu von zwei bis sieben Uhr gelesen.
O ihr führenden Geister!
Aus der Sommerfrische im Schwarzwalde sendet uns ein Leser der Grenzboten den badischen Hofbericht vom 32. Angust, der die letzten wichtigen Ereignisse folgendermaßen zusammenstellt: „Vor einigen Tagen ist die Gemahlin des Fliigeladjutanten Oberstleutnant Frhrn. v. Schönau-Wehr nach längerm Aufenthalt auf Schloß Maiuau wieder abgereist. Borgestern ist die Gemahlin des Hofmarschalls Grafen v. Andlaw, einer Einladung folgend, ans Schloß Mninau eingetroffen. Gestern hat der Kabinettsrat v. Chelius nach läugcrm Urlaub den Dienst bei I. K. H. der Großherzogin wieder angetreten. Major v. Oven, welcher mit seiner Familie die Pension »Jakob« bei Konstanz bewohnt, kommt häufig zum Vortrag nach Schloß Maiuau. Legationsrat Freiherr v. Babo, welcher mit seiner Familie in dem Schlößchen zu Egg wohnt, kommt täglich zum Vortrag. Der Groß herzogliche Minister v Brauer hat sich heute in die Gegenden zwischen Ueberlingen, Salem, Mecrsburg, Maridors und Jmmenstand begeben, um die Interessen dieses Bezirks bezüglich des Eiseubahubanes zu studiren, und kehrte abends wieder nach Mainau zurück."
Ob wohl der Herr Flügcladjntant oder der Herr Hofmarschall oder der Herr Kabinettsrat oder der Herr Major in der Pension Jakob (!) oder der Herr Legationsrat dieser Geschichtschreiber der Sauerngurkenzeit ist? Der „Großherzogliche Minister" wenigstens, der im Wechsel von Perfekt und Imperfekt hinterherklappt, kommt hoffentlich nicht in Frage. Dem groß- herzoglichen Paare selber scheint es — so liest mau wenigstens zwischen deu Zeilen — auf seinem schönen Sommersitze, der Insel Mainau, gut zu gehen.
Für die Redaktion verantwortlich: Johannes Gruuow iu Leipzig Verlag von Fr. Wilh. Grunow in Leipzig. — Druck von Carl Margnart iu Leipzig