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Malergeschichten
die schwindelhvhen Bogen tritt und in blauer Ferne die Stadt sucht, die ihm zum Wahrzeichen von der Frauenkirche her ihre „Maßkrügeln" entgegenhält. Nun endlich wurde mein Maler wieder lustig. Wir raschelten mit den Füßen im roten Bucheulaub, aus dem sich blaue Leberblümchen und Seidelbast hervorarbeiteten. Wir sammelten die bunten Jsarkiesel und warfen Wasserjungfern über den krausen Spiegel. Die badeten sich einen Augenblick pudelnaß, hüpften einmal und »och einmal auf, um dann niederzusinken und den Wettlauf mit den Wellen aufzugeben. Mein Freund war wie einer, der nicht an die nächste Stunde denkt und sich am Anblick der Geliebten berauscht.
Die Maisonne legte uns ihr Gold schon schwer auf den Rücken, als wir die gegrabneu Stufen nach Pullach hinaufstiegen. Die kleine Kirche mit den Gehöften ringsum lag wie Spielzeug in der Sonne.
Dort hinter der Kirchhofsmauer, sagte der Meyer, da liegt der alte Habenschaden, der Stifter des Festes. Seine Kunst hat ihm Glück und ein kleines Vermögen geschenkt, davon hat er das lustige Vermächtnis gelassen. Alljährlich im Mai wird ihm im Kirchlein von Pullach eine Seelenmesse gelesen. Wer da mitbetet, bekommt am Nachmittag den Maiwein umsonst. Aber auch die Unfrommen haben ihn billig an dem Tage, und die Musik, die bis zum Abend zum Tanz aufspielt, ist umsonst, denn der alte Habenschaden hat sie bezahlt. Wenn die Tage warm werden und die Knospen in der Schwa- binger Allee wachsen, denken die jungen Leute an die Habenschadcnfeier. Wenn der lange Akademiker unterm Siegesthor seinem Mädchen begegnet, hält er sie an und fragt, ob sie Heuer zum Fest nach Pullach komme. Schon vierzehn Tage zuvor ist der Alte in aller Mund. Und dann, in der Nacht vor seinem Gedenktag — so fuhr er eifrig fort —, da glaube ich sicher, kriecht er unter dem Hügel hervor. Gestern nm Mitternacht ist er hinuntergestiegen, wo wir eben im Sonnenschein hergekommen sind. Mit den klappernden Knochenhänden hat er sich am Holzgeländer gehalten, und drunten an der Jsar hat sich das alte Gerippe gebückt und Blumen gesammelt. Leberblümchen, Seidelbast, Buchensprosfen und Waldmeister hat er zu einem Kranz zusammengelesen. Den legt er sich um den glatten Knochenschädel und geht wieder hinauf in sein kühles Bett. Das Tuch zieht er fest um die Lenden, die Kniee gegen das Kinn, so liegt er nun unten, und die Blümchen sinken weich in die leeren Augenhöhlen. Und jetzt wenn der Boden drüben schüttert, weil das junge Volk tanzt, pflanzen sich die Schwingungen leise sort. Sie stoßen an den runden Hügel und drunten nn die morschen Nippen des Erblassers. Dann spürt er es wohlig wie ciu heimliches Lachen aus der Zeit, wo er auch noch tanzte und sang. Hat er sein Denkmal nicht gut gewählt, der alte Biedermann?
Wir gingen vom Grabhügel hinüber, wo das lebendige Habenschadendenkmal schimmernd nnd lachend in Gestalt von hundert Sonntagsmenschen durcheinanderdrängte. Der Platz vor der Wirtschaft mit der gemauerten Brüstung, da wo der Abhang hinunterfüllt und die alten Vuchenkronen heraufreichen, war bunt von Sommerkleidern und Sonnenlichtern. Die sielen durch den zarten Flaum der kaum belaubten Bäume farbig nieder und bildeten mit Stimmengeschwirr und Waldmeisterduft eine zitter.nde Freudenatmosphäre. In den steinernen Maßkrügen stand der Maiwein kühl wie im tiefen Keller und trank sich wie Muttermilch. So meinten die, „die neben uns auf den gezimmerten Bänken saßen nnd sich aus schweren Äuglein anschauten. In man wurde es kaum gewahr, daß man trank, so leicht ging es ein.