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sich längere Zeit der Ruhe erfreuen, so lange, bis das Spiel von neuem beginnt, und die Totgeglaubte auf einmal wieder sehr lebendig zum Vorschein kommt und die Gemüter erregt. Solche Revenants sind ganz besonders häufig in der Kunstgeschichte zu finden, zumal iu der alten, in der es ja zur Zeit so lebhaft zugeht, daß man jede Woche neu zulernen müßte, wenn man all den Adepten, die das immer noch etwas dürre Gerippe unsrer knnstgeschichtlichen Notizen mit Fleisch und Blut aus den Museen zu bekleiden sich anheischig machen, auf Treu und Glauben folgen wollte.
Es ist ein eigentümlicher Zufall, daß unter den Kunstwerken, die in der angegebnen Art immer wieder aufs neue auftauchen und der Betrachtung unterzogen werden, eine ganz besonders wichtige Rolle jene Statuen des Belvedere spielen, denen Winckelmann gleich zu Anfang seines römischen Aufenthalts seine Hauptaufmerksamkeit zuwandte, und die er in eignen, auch stilistisch mit besondrer Mühe ausgearbeiteten Beschreibungen feierte: der Laokvvn, der Torso des Apvllonios und der vatikanische Apollo. Der Laokvon trat mit einemmale wieder in den Vordergrund des Interesses, als das pompejanische Wandgemälde mit der Laokvondarstellung die alte Frage nach der Entstehungszeit der Gruppe neu in Fluß brachte, uoch mehr, als die Auffindung der pergamenischen Skulpturen neue kunstgeschichtliche Gesichtspunkte eröffnete, wozu dann noch die zu weitergehenden exegetischen Betrachtungen herausfordernde Stark-Brunnsche Hypothese über den ältern Sohn kamen. Augenblicklich scheint der göttliche Dulder etwas Ruhe zu haben; aber wer weiß, wie lange? Der „Torso vom Belvedere," dieses alte Rätsel, an dem sich schon früher neben deu Archäologen auch die Bildhauer versucht hatten, ist neuerdings auch den Anatomen in die Hände gefallen und in allerjüngster Zeit aus einem Herakles gar zu einem Polyphem geworden. Aber am schlimmsten ist es doch dem vatikanischen Apollo ergangen. Nicht nur, daß er bald maßlos bewundert, bald in ebenso wenig gerechtfertigter Weise herabgesetzt wurde, man hat ihn in allen möglichen Situationen herumgehetzt, ihm verschiedne Attribute in die verstümmelte Linke gedrückt, um sie ihm bald darauf wieder in brutaler Weise zu entziehen. Und da diese alte, stets wieder aufgerührte Frage zur Zeit wiedereinmnl in eine neue Phase getreten ist, lohnt es sich wohl, sie auch einem weitern Leserkreise in ihrem augenblicklichen Stande vorzuführen.
Es ist hinlänglich bekannt, daß der Ergänzer (Montorsvli) sich in der Linken des Gottes den Bogen dachte, und daß alle frühern Deutungen von diesem Attribut ausgingen. Zwei Deutungen hatte die ältere Zeit dafür aufgestellt: mau sah iu dem Gott den Erleger des Drachen Python (dafür entschied sich u. a. auch Winckelmann), oder man nahm die Situation an, in der ihn das erste Buch der Jlicis schildert, wie er seine verderblichen Pestpfeile in das Heer der Achäer schleudert. Dann wurden weitere Deutungen aufgestellt: man erinnerte an die Tötung des Tityos, der der Latona Gewalt anthun