457
daß ich wirklich hier bin. Da trete ich ans Fenster und sehe die Pvrta dcl Popolo und die Piazza mit ihren Kirchen, den Obelisk, und sehe die Fontänen und höre sie rauschen und werde es mit Freuden bewußt, daß ich wache." Sie führt ihre Enkelkinder zur Fontäne vor der Villa Medici und zeigt sie ihnen als den Schauplatz ihrer kindlichen Spiele. Die wunderbare Frische, die ihr bis zuletzt, auch unter erschütternden und aufreibenden Familienerleb- nissen und harten Schicksalsschlägen, erhalte» blieb (noch im Jahre 1883 konnte es sie erzürnen, daß irgend eine Zeitung sie eine Greisin genannt hatte), zeigt sich in allem, was uns aus den Jahren zwischen 1850 und 1887 mitgeteilt wird. Daß wir mehr zu erfahren wünschten, ist lebendige Teilnahme, nicht Neugier. Kein Leser wird sich der Empfindung erwehren können, daß die Notizen dieses letzten Teils des Buches sich mehr als einmal zum Bilde hätten gestalten lassen. Ein solches Bild, das ausnahmsweise einmal vor unsre Augen tritt, aus dem letzten Sommer in Tegel vor Gabrielens am 16. April 1887 erfolgten Tode, möge zum Schluß hier stehen: „Frau von Bülow gehörte nicht zu den traditionellen Großmüttern, die Märchen erzählen und Strümpfe stricken, aber sie setzte sich oft dazu, wenn das Spiel der Kinder im vollen Gange war, und blickte mit den klaren Augen still forschend von einem zum andern. Nur das Kleinste nahm sie wohl einmal auf den Schoß, und dann klang noch ein alter italienischer Kinderreim von ihren Lippen. Und sie dachte daran, wie sich alles wiederholt im Leben, wie hier vor mehr als fünfzig Jahren im Antikensaal vor des geliebten Vaters Augen ihre Kinder getanzt hatten, deren Enkel sie nun wieder so fröhlich springen sah, und zwar nach der Musik eines Leierkastens, den sie sich eigens dazn an ihrem vierundachtzigsten Geburtstage hatte schenken lassen. Wie alt, wie unbegreiflich alt kam sie sich dann vor! Aber noch immer war sie rüstig genug, um mit der fröhliche« Schar in den uahen Wald zu wandern, und es war sehr lieblich, wenn die wilden Knaben ihr Spiel unterbrachen, um die »Urmutter« sanft und ritterlich über eine Unebenheit fortzugeleiten und ihr nach dem Niedersitzen wieder aufzuhelfen."
Der Apoll vom Belvedere
n jeder Wissenschaft giebt es Fragen, die man nicht unpassend als „Revenants" bezeichnen könnte: Fragen, die man längst für abgethan und begraben hielt, und die doch plötzlich wieder aufs neue auftauchen, um eine Zeit lang lebhaft besprochen nnd von nenen Gesichtspunkten aus betrachtet zu werden, bis sie — nur scheinbar endgiltig erledigt - wieder von der Tagesordnung verschwinden und
Grmzbote» lll >894 58