Die unpersönliche Dichtkunst 415
Bater, daß ich von Stund ab nicht mehr in die Schule ginge, was der Vater, folgsam wie immer, ganz natürlich fand. Ich machte also Ferien bis zum Abgange uach Glatz. Es war vor Achtundvierzig, noch hatte uns keine Revolution die moderne Freiheit gebracht, und wir lebten noch ganz in mittelalterlicher Barbarei. Es gab weder Schulinspektoren, noch Schulräte, noch Listenschreiberei, noch Zeugnisse, oder wenn es dergleichen gegeben haben sollte, so haben wir an der Landeshuter Bürgerschule nichts davon gemerkt; ich wenigstens setzte meinen Kopf durch und blieb ungeschoren.
Später hat mir die Mutter mitgeteilt, der Vater habe damals zu ihr gesagt: „Der Juuge will sich für uns opfern, das können wir nicht annehmen." Da hatte mich nun der gute Vater arg überschätzt. Erstens hat ja doch ein Junge von dem keinen Begriff, was das Leben des katholischen Geistlichen unter Umständen zu einem Opfer macht. Ich glaube sogar, daß mich das gerade Gegenteil von Opfer, die Vorstellung eines Herrenlebens, wie es nach meiner kindischen Erfahrnng die katholische Geistlichkeit zu führen schien, gelockt hat; genau weiß ichs nicht mehr, was ich damals gefühlt und gedacht habe. Zweitens dachte ich gar nicht an den Kummer meiner Eltern; denn es giebt ^in Mitgefühl für Leiden, die man nicht an sich selber erfahren hat. Ich falbst hatte bis dahin noch nichts zu entbehren gehabt, hatte daher auch leine Borstellung von den Entbehrungen, die meinen Eltern bevorstanden, nnd die f'e sich vielleicht damals schon auslegten. Von Nahrungssorge» aber hatte ich erst recht keine Ahnung, da ich selbst für nichts zu sorgen hatte und alles bekam, was ich brauchte. Der erste Begriff davon stellte sich das Jahr darauf eui, als der Vater eine Geldsumme, die ich brauchte, uicht schicken konnte. Erst "vn da an habe ich die Sache kennen gelernt, und zwar je länger, desto gründlicher.
Die unpersönliche Dichtkunst
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an hat also bei der Beurteilung eines Dramas — wie bei jedem Kunstwerk überhaupt ^ uach zweierlei Arten von Wahrheit zu forschen: nach der Lebenstreue des Gegenstandes, den es darstellt, nnd uach der Einheitlichkeit der Empfindung, die es erregt. Wenn die Venus von Melos eine Nase hätte so lang w>e Ferdinand der Unbestätigte von Bulgarien, so würde man ihr darum noch mcht Lebenswnhrheit absprechen können, denn es giebt solche Nasen; schwerlich