Marie Neander
Novelle von Btto Verbeck 5
aric saß zusammengekauert in ihrem Lehnsessel am Fenster und wartete. Wie lauge? Zehn Minuten? Eine Stunde? Ein Jahr? Sie wnßte schvn nicht mehr, seit wann sie so dasaß, die sestverschluugnen Häude in den Schoß gedrückt, die weit offnen Augen auf die Thür geheftet, ohne Bewegung, fast ohne Atem, erstarrt, versteinert. Anfangs hatte sie den Vater in Gedanken verfolgt: jetzt war er auf der Brücke, jetzt ging er über den Lützow- platz, in die Maaßeustraße, über den Nollendorfplatz. Oder noch nicht? Oder war er schon dort? Sprach er schon mit ihm? War es schon geschehen? Ein Schauder rieselte ihr über den Rücken, ein Zittern durchlief sie bis in die Fußspitzen. Dann saß sie klein, dünn, blaß, zusammengezogen, zusammengedrückt, wie in einem Winkel und wartete, bis er heimkäme, bis er ihr sagte — sagte — auch ihr Denken war versteinert. Oder nein, zu sagen war da nichts mehr, nur daß er käme, daß sie wüßte, es sei nun alles vorbei. Sie lauschte, wann die Hausthür unten zufallen würde. Aber es rührte sich nichts. Im Vorderhaus mochten sie treppauf und treppab gehen, hierher kam nichts.
Der Regen hatte aufgehört. Die Abendsonne schien ins Zimmer und wob ihre Strahlen um Mariens blasse Wange, spielte ans ihren starrver- schränkteu Fingern, legte einen breiten Streifen über den bunten Teppich und versuchte noch an der Thür hinaufzuscheincn, an der Mariens Augen Schildwacht hielten. Aber sie kam nicht mehr über die Schwelle, ihre Zeit war um, langsam sank der goldige Schein und verblaßte.
Da schlug unten krachend die Hausthür zu. Marie zuckte zusammen und neigte den Kopf nach vorn. Jetzt mußte das Thürschloß klappern, der Vater mußte über den Flur kommen, vielleicht herein zu ihr, vielleicht gleich in sein Zimmer — ob ihm nicht bange war vor ihr? Es klingelte. Er war