Reisen als Mittel der Iugendbildung
it dem Reisen verfolgen die verschiednen Menschen, wie die Erfahrung lehrt, sehr verschiedne Zwecke, niedere und höhere, je nachdem sie „der Geist treibt." Der höchste unter diesen Zwecken ist aber offenbar der, daß jemand reist, weil ihn ein ideales Bedürfnis dazu drängt, weil es ihm als eine menschenwürdige Aufgabe erscheint, sich durch Reisen weiter auszubilden und innerlich zu vervollkommnen. Gerade wer so reist, als ob er auf der Reise gar keine besondern Zwecke erreichen wollte, der erreicht gewöhnlich das höchste, was solche Reisen als Neisegewinn bringen können, nämlich eine Steigerung und Veredlung seines ganzen innern Wesens; er muß nur dabei mit der Gewissenhaftigkeit verfahren, die man überhaupt jeder Aufgabe schuldig ist. So anziehend es nun wäre, sich einmal über diese Seite des Reifens, seine Wichtigkeit als Mittel der Volksbildung im allgemeinen zu verbreiten, so wollen wir doch hier aus diesem Gebiete nur einen Ausschnitt Heransheben, der von dem Reisen als Mittel der Jugendbildung handelt.
Als Bilduugsmittel für Erwachsene erfreut sich ja das Reisen nicht nur einer ganz allgemeinen Wertschätzung, sondern auch einer Übung, die gerade in der Gegenwart immer größern Aufschwung nimmt; es ist, als wenn doch in weiten Kreisen empfunden würde, daß gerade für den Menschen der Gegenwart das Reisen nach den allerverschiedensten Richtungen eine notwendige Ergänzung seines ganzen Daseins bildet. Was aber dabei besonders erfreulich ist: auch die Fußwanderung kommt wieder zu Ehren, nachdem sie uns in dem ersten Entzücken über die so bequeme Eisenbahnfahrt fast vollständig verloren gegangen war. Und es ist durchaus gerechtfertigt, wenn sie wieder zu Ehren gebracht wird: hat sie doch von jeher für die vornehmste und gewinnbringendste Art des Reifens gegolten. Nicht die schlechtesten Männer unsers Volks sind es, die es mit dem Fußwandern gehalten haben: man darf nur an Goethe, Seume, Arndt, Iahn und Geibel unter den ältern erinnern, und unter den lebenden an unsern großen Wanderkünstler und Volksforscher W. H. Niehl, der in seinem köstlichen „Wanderbuche" das Fußreisen als die einzig mögliche Art des Reifens empfiehlt, wenn man um seiner Bildung willen reist. Man sieht dabei durchschnittlich mehr, als im Wagen, man tritt auch den Leuten,