236
Litteratur
daß eine einzige ^besser einzelnes Reform unsre ganze Not aus der Welt schaffen werde."
Wir schließen, wie schon bei eiuer frühern Gelegenheit: es ist möglich, daß die Silbermänner für die Vergangenheit Recht haben, daß die Einführung der Goldwährung iu Deutschlaud und die Einstellung der Silberprägung in Frankreich Fehler gewesen sind. Aber solange der Silberpreis reißend fällt, wäre es Wahnsinn, Silber zum Wertmesser zu machen, weil niemand vorauswissen kann, ob es selbst den vereinigten Gesetzgebungen aller Kulturstaaten gelingen würde, ihn wieder fest zu machen. Jedenfalls haben wir in Deutschland, wo das angebliche Unglück der Goldwährung zwar von Gelehrten bewiesen, aber von keinem Menschen wirklich empfunden wird, nicht die geringste Veranlassung, uns in Abenteuer zn stürzen. Mit England ist es etwas andres, wegen Indien; geht es voran, so können wir ja dann überlegen, ob wir uus beteiligen wollen. Nachdem sich die Beratungen der letzten Silberkonferenz im Sande verlaufen haben, hat die Währungsfrage vorläufig jede praktische Bedeutung verloren.
Junge Bummler. In unsern Großstädten kommt eine neue Unsitte auf, Wohl ausländischen Großstädten nachgeäfft. Vierzehn- bis sechzehnjährige Jungen werden dazu mißbraucht, von früh bis abends in den Straßen hernmznbummeln und an Stangen Reklameschilder herumzutragen. Daß diese armen Jnngen nicht das geringste lernen, daß sie bei dieser öden und, wie ihnen bald genug klar wird, ganz zweck- und erfolglosen Nichtsthuerei geistig uud sittlich verkommen müssen, liegt auf der Hand. Man sehe nur, wenn sich zwei oder drei solche arme Bnrschen zusammenfinden, wie entsetzlich sie sich langweilen, man höre, was sie über sich selbst für Bemerkungen machen! Schon nach wenigen Wochen muß ja so ein Junge einen wahren Ekel vor sich haben! Er muß die Jungen beneiden, die die Asphaltstraße kehren, denn die nützen doch der Menschheit etwas! Man wundert sich ja nicht, daß es Geschäftsleute giebt, die sich kein Gewissen darnns machen, Kinder zn so etwas zu mißbrauchen; wohl aber muß man sich darüber wundern, daß es Eltern giebt, die so unvernünftig sind, ihre Kinder dazu herzugeben. Da das aber leider der Fall ist, so sollten sich die Behörden ins Mittel schlagen und den Unfug uicht dulden. Schlimm genug, daß so viele Kinder unbemerkt zu Grunde gehen; aber gleichsam eoram pudlieo sollte man keine zu Grunde gehen lassen.
Litteratur
Mein Leben. Selbstbiographie, TagebuchblStter und Briefe von Franz Nissel. Stuttgart, Cotta
Ein merkwürdiges, ein trauriges Buch, das Gutes wirkeu, aber auch Unheil anrichten kann. Der Verfasser, der vor etwa Jahresfrist verstorbne Dichter des Schauspiels Agnes von Meran (1873 mit dem Schillerpreis gekrönt), nennt sein Leben „unerhört traurig uud nahezu verloren," die Herausgeberin, seine Schwester, spricht sich in ähnlichem Sinne aus. In der That hat ihm das Glück nnr selten gelächelt. Von den ersten Mannesjahren an kränkelnd, hat er beinahe die ganze