Die Pfarrwahl
203
heute so scharfe, oft bis an die Grenze des Zulässigen gehende Konkurrenz würde bedeutend an Schärfe verlieren. Sodann würde durch den Wechsel auch die Einseitigkeit vermieden werden. Die Dauer der Thätigkeit jedes einzelnen hätte sich ganz nach den örtlichen Verhältnissen und nach der Zahl der vor- hcmdnen Nechtsanwälte zu richten, ebenso auch, wo ein Amtstag in der Woche nicht ausreichte, die Zahl der Amtstage.
Es ist klar, daß die Rechtsanwälte für diese Thätigkeit dnrch den Staat zu entschädigen wären. Denn die Amtstage fallen für die Vüreauthätigkeit aus. Für den Staat würde sogar in dieser Bezahlung ein Vorteil liegen, denn der ganze Stand würde damit durch ein enges Band an das Interesse des Staats geknüpft werden. Der Rechtsanwalt würde in gewissem Sinne Beamter des Staats werden. Die Unbequemlichkeiten und der Zeitverlust, dem heute die Richter vielfach ausgesetzt sind, würde durch eine solche Einrichtung wegfallen. Die Neuerung würde dem rcchtsuchenden Publikum wie dem Staate gleichmäßig Nutzen bringen und sicher von allen Seiten mit Beifall begrüßt werden.
Ich will nur darauf hinweisen, wie sich z. B. in den Vereingten Staaten von Amerika die Rechtsanwaltspraxis ausgebildet hat. Dort besteht die Thätigkeit der Rechtsanwälte nicht in der Führung von Prozessen, sondern in der Beratung der Parteien; kein wichtigeres Rechtsgeschäft kommt ohne Mitwirkung von Rechtsanwälten zustande. Das Bürean Clevelands, des jetzigen Präsidenten, war stets eines der gesuchtesten. Und doch hatte dieser Mann in einem Jahre nicht mehr als vier Prozesse zu führen! Seine ganze übrige Thätigkeit bestand darin, Nechtsstreitigkeiten vorzubeugen.
Ähnlich würden sich die Dinge auch bei uns entwickeln, wenn unentgeltliche Rechtsbelehrung durch sachkundige Rechtsanwälte bei den Gerichten eingeführt würde.
Die Pfarrwahl
er Pastor Karl Wilhelm Gottfried Vode, Senior rev. min., war gestorben. Nach einer kurzen Zeit der Besserung, die seinen zahlreichen Freunden und Verehrern in der Stadt neue Hoffnung auf Erhaltung des teuern Mannes gegeben hatte, war sein Zustand hoffnungslos geworden; ein anscheinend schmerzloser Tod hatte ihn hinweggenommen. Nun rüstete man sich zu einer würdigen Bestattung. Die Zeitungen brachten den längst für ihn, wie für jeden Mitbürger von einigem Ansehen bereitgehaltnen Lebenslauf und beschäftigten sich