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Baltische Anthologien
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Marie Neander

wieder, und natürlich wiederholt sich auch eine Anzahl von Gedichten in beiden Anthologien. Die Sammlung Johansons weist aber auch einige neuere Namen auf, die sich nicht im Dichterbuche finden; von ältern treffen wir nur auf einen, der auch bei Grotthuß nicht hätte fehlen sollen: auf den Eisleber Philipp Crusius, den deutscheu Ahnherrn der esthländischen und schwedischen Familie von Krusenstierna (1595 bis 1676), den Führer der holsteinisch-gottorpschen Gesandtschaft nach Persien, der auch Fleming angehörte. Gleich Fleming wurde Crusius (Kruse) durch die Liebe zu einer Patrizierstochtcr von Reval in dieser Stadt zurückgehalten und stieg im Dienst der schwedischen Krone zum Statt­halter von Esthland. Die übrigen Lyriker des Büchleins gehören alle dem neun­zehnten Jahrhundert an, nur bei etwa sechs liegt das Geburtsjahr noch im vorigen Jahrhundert, unter den jüngern hebt sich auch hier N. M. von Stern bemerkenswert über alle andern empor. Die Gedichte gelten sämtlich baltischen Erinnerungen. Strand, Wald und Heide, die Türme von Riga und Neval, die Burgen von Wenden und Treiben, der Dom und die Universität von Dorpat, die Inseln und Klippen der Ostsee, Seen, Flüsse und Bäche des Landes spiegeln sich darin wieder. Wenn die Heimatliebe und Heimatsehn­sucht auch Gelegenheitsgedichte, wie denProlog zur Eröffnung der Zeitschrift »Nordische Rundschau«" oder einFestlied zur Feier des fünfundzwanzigjüh- rigen Bestehens der Libauer Sparkasse" sammeln will, so ist das ihre Sache. Die Wirkung einer Anthologie wie diese wird ohnehin auf die engen Kreise beschränkt sein, die vielleicht mit Viktor von Andrejanosf singen und sagen:

Doch lieb ich meiner Heimat Erdenscholle, Lieb die Natnr, in der erwacht mein Leben Und häng an ihr mit zartem Seelenbande; Italien, das duft- und farbenvolle, Würd ich dahin für eine Wiese geben, Für einen Wald an unserm Ostseestrandc!

Marie Neander

Novelle von Otto Verbeck 2

rüge Wichen die Stunden der nächsten Tage vorbei. In der kleinen Gartenwohnung an der Corneliusstraße ging es so still zu, wie immer. Marie hätte die farblose Gleichförmigkeit ihres Lebens nun schon gewöhnt sein können, denn nicht erst seit gestern saß ihr Vater den größten Teil des Tages drüben im Atelier, und nicht erst seit gestern blieb es ihrem Gutdünken überlassen,