Baltische Anthologien
ald nach einander sind vor kurzem zwei baltische Anthologien erschienen, die ebensowohl von der leidenschaftlichen Heimatsliebe der Deutschen in den Ostseeprovinzen, als von der zaghaften elegischen Stimmung Zeugnis geben, mit der die Mehrzahl der Balten auf die gegenwärtigen und künftigen Zustände der drei Außeulande deutscher Kultur blickt. Das gesteigerte Bedürfnis, sich und andern von den Nachwirkungen der deutschen Poesie auf baltischer Erde, von den eignen poetischen Kräften Rechenschaft abzulegen, hängt offenbar mit den jüngsten Erfahrungen zusammen, die die unter russischem Szepter lebenden Deutschen gemacht habeu. In andrer Zeit ist es dem starken Selbstgefühl der Kurländer und Livländer nicht nötig erschienen, sich zu sammeln, der ausgeprägte Individualismus der Balten hat sich meist in der Vereinzelung gefallen, den Gedanken, daß die alten Lieder an ihrem Herd je verklingen könnten, haben sie weit von sich gewiesen. In der That hat die deutsche Kolonie zwischen dem Kurischen Haff und der Narwabucht Schlimmeres nnd Härteres bestanden, als ihr gegenwärtig widerfährt, gleichwohl ist in dem neuesten slawischen Ansturm ein Hauch, der das Mark dörrt und die Hoffnung auf bessere Zeiten tötet. Unter diesen Umstünden kann eine Anthologie livlündischer deutscher Dichter leicht eine Zusammenfassung des köstlichsten Besitztums bedeuten, dessen sich die Balten bewußt sind, ihr geistiges Leben gleicht dem goldnen Becher im „König von Thule":
Und als er kam zu sterben, Zählt' er seine Stadt' im Reich, Gönnt' alles seinem Erben, Den Becher nicht zugleich.
Die beiden Sammlungen, die wir meinen, und von denen namentlich die erste die Teilnahme und Beachtung auch der Deutschen im Reiche verdient, uenueu sich: Das baltische Dichterbuch. Eine Auswahl deutscher Dichtungen aus den baltischen Provinzen Nußlands mit einer litterarhistörischen Einleitung und biographisch kritischen Studien herausgegeben von Jeannot Emil Freiherrn von Grotthuß (Neval, Franz Kluge, 1894) und: Die baltischen Lande