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Seelen der Eltern fordern fortgesetzt Verehrung; so entsteht der Ahiienkultns. Den physikalischen und ethischen Gottheiten gesellen sich so anthropologische zu. die ihren .Kreise» eingefügt und aus das manmchfachste mit ihnen verbunden werde», indem man Eigenschaften und Thätigkeiten der älter» Götter auf die jünger» überträgt, und umgekehrt, BerU'andtschaftsverhältnisse zwischen alle» diese» Wesen stiftet u. s. w. Sehr leicht wird min der «nächtigste und vornehmste Gott zum Vater aller Väter, zum Stammvater, znletzt znm Schöpfer des Menschengeschlechts. Tieferes Eindringen des Menschen in sein eignes Innere hat die Vergöttlichung feiner einzelnen Seeleukräste, Leidenschaften, Tugenden und Laster zur Folge; nnter diese» psychologische» Gottheiten ragen bei den Hellenen die Muse», Eros lind Psyche hervor.
Die physikalischen lind die anthropologischen Götter sind aus der allgemeinen gleichen Unwissenheit entstanden, die Urreligionen daher Erzeugnisse des ganzen Volks. Der Nationalismus des vorigen Jahrhunderts war demnach im Irrtum, weil» er die Religionen für Erfindunge» betrügerischer Priester hielt. Priester als eine» besonder» Stand konnte es vor der Arbeitsteilung gar nicht geben; die tlrreligioneu aber sind älter als die Arbeitsteilung und die Scheidung der Völker in Stände. Priester war ursprünglich jeder Hansvater, dann jeder Häupling eines Stammes; im Archon Basilens der Athener, im rsx 8:ioritic,ul>>» der Römer blieb das Andenken an diese ursprüngliche Religivusverfassnng lebendig. Den Abschnitt, der diese Verhältnisse darlegt, leitet Lütgenan mit den Worten ein: „Das Priestertnm ist, was seine sittliche Würdigung wie seinen thatsächlichen Einfluß auf die Gesellschaft betrifft, weniger von seinen Freunden nach der guten als von vielen seiner Gegner „ach der schlimme» Seite hin überschätzt worden. Das dickste Buch, das Nichtsnutzigkeiten von den Priestern aufzählt, beweist in keinem Falle etwas gegen die Religion und nur da»» etwas gegen den Priesterstand, wenn ein uiigniistiger Unterschied seiller Sittlichkeit von der allgemeinen der Zeit dargethan wird. Eine bekannte, ziemlich wertlose Schrift dieser Art ist der »Pfaffenspiegel; historische Denkmale des Fanatismus in der römisch-katholischen .Kirche,« von O. Corvin, Nndvlstadt, bei O. Bock. Der Verfasser stützt seinen Anspruch, nur wahre Thatsachen mitzuteilen, auf sein »wörtliches« Zitiren der »Quellen«; er steht auf dem naiven Standpunkte des Glaubens an den gedruckten Buchstaben. Falsch ist selbstverständlich die Meinnng, daß die Priester die Urheber der religiöse» Meinungen und Kulte seien, das; die Religion ans Priesterschwindel beruhe. Die vergleichende Sprachwissenschaft thut dar, daß die Religion vielmehr eine notwendige Stufe in der geistigen Entwicklung der Menschheit bildet. Priester kann es sogar in der ursprünglichen Religion überhaupt nicht geben, einmal aus ökonomischen nnd zweitens aus ideellen Gründen." Wie hoch steht dieser Sozialdemvlrat über solchen liberale» Volksführern, die vor zwanzig Jahre» de» Pfaffenspiegel und ähn-