soziale und Naturreligion
nr den eignen Gebrauch kann sich der einzelne gebildete Mann, der mit der Orthodoxie gebrochen hat, sehr leicht eine Religion zurechtmachen, aber ein liberales Christentum fürs Volk zn schaffen ist noch nicht gelungen. Von mauchen liberalen Theologen kann man sagen, daß sie weder einander noch sich selbst verstehen, und daß sie vom Volke erst recht nicht verstanden werden wurden, wenn es sie hörte und läse. Wer sich mit ihren geschraubten uud unklaren Redensarten zu befassen hat, für den ist es eine Erquickuug, sich zur Abwechslung einmal in einen folgerichtigen Gedankeubau zu vertiefen, sei es ein orthodoxer oder ein naturalistischer. Eine» solchen findet man gerade bei den angesehensten nnter den neuesten Philosophen so wenig wie bei den liberalen Theologen; anch sie sprechen an den entscheidenden Punkten Galimathias, weil sie bald ihre Unwissenheit zu verbergen haben, bald das, was sie wissen. Folgerichtig sind nur die Sozialsten, die keine Staatspfründen beanspruchen, und deren Verleger sicher sind, daß bei ihrem Publikum Offenherzigkeit keinen Anstoß erregt. Eine solche Schrift, die durch Klarheit uud Folgerichtigkeit befriedigt, ist jüngst in dem sozialdemokratischen Verlage von I. H. W. Dietz in Stuttgart erschienen: Natürliche und soziale Religion von Franz Lütgenau. Der Verfasser hat bei der Abfassung an Leser aus der Arbeiterklasse gedacht, und es ist ihm in der That gelungen, so einfach und klar, wenn auch nicht durchweg ganz korrekt zu schreibe«, daß das Büchlein, einige Stellen abgerechnet, von einem begabten Arbeiter verstanden werdeil kann; Fremdwörter und Anführungen in fremden Sprachen werden verdeutscht, die vorkommenden griechischen Wörter sind mit lateinischen Lettern gedruckt. Dabei beruht die Darstellung auf gründlicher quellenmäßiger Kenntnis des Gegenstandes und ist streng wissenschaftlich, ganz frei von demagogischem Gewürz nnd gehässiger Polemik. Die Abschnitte über die Urreligionen lehnen sich vorzugsweise au Max Müller, die über christliche Dogmen an Harnack, die über die Reformation an Kautskys Buch: Thomas More und seine Utopie an. Der Verfasser nimmt selbstverständlich den Standpunkt des von Marx und Engels begründeten „historischen Materialismus" ein. Eine kirchliche Wochenschrift bemerkte vor kurzein einmal, die Svzinldemokratie sei hinter der Gedankenbewegung