Unsre Kolonialpolitik
u den Vorwürfen, die man Caprivi macht, gehört auch der, daß er unsre Ehre und unser Interesse in den Kolonien nicht wahre, oder, wie temperamentvolle Gegner lieber sagen, schmählich verrate. Ohne weiteres zuzugeben ist nun, daß die Phantasie in der Politik eine Rolle spielt, daß schon der bloße Schein einer Preisgebung nationaler Interessen das Ehrgefühl einer Nation kränken muß, namentlich nach Erfolgen, wie sie die deutsche unter Bismarck errungen hat, und daß Caprivis Nüchternheit wie im allgemeinen so auch besonders in Kolonialangelegenheiten dem Phantasiebedürfnis des im engern Sinne patriotischen Teiles der Nation auch nicht die kleinste Spur von Genugthuung und Befriedigung gönnt. Es wäre also äußerst vorteilhaft für — Caprivi, wenn er einmal vor den Reichstag hintreten und sagen könnte: „Da seht, wie ich den Engländern in die Parade gefahren bin! Um hundert Meilen habe ich sie zurückgeworfen und fünfzigtausend Quadratmeilen anncktirt!" Als mildernden Umstand wird man ihm gerade in der Kolonialpolitik die Rücksicht auf das Vorbild Bismcircks anrechnen müssen, denn gerade in diesem Gebiete hat der eiserne Kanzler der Vorsicht und Verträglichkeit den Vorzug gegeben vor der Schneidigkeit. Er hat gleich im Beginn der Flaggenhissungen erklärt, er wolle nur „dem Kaufmann nachgehn," zu dessen Schntz. Sein Ideal seien Kolonien nicht nach französischem, sondern nach englischem Muster; nicht Proviuzen wolle er, sondern kaufmännische Unternehmungen. „Mein Ziel, sagte er am 28. November 1885, ist der regierende Kaufmann und nicht der regierende Bureaukrat." Als sich dann drei Jahre darauf der „regierende Kaufmann" in Ostafrika seiner Aufgabe nicht gewachsen zeigte, oder vielmehr, als sich bei dieser Gelegenheit, der Vertreibung der Ostafrikanischen Gesellschaft durch die Eingebvrncn zeigte, daß die deutsche Kaufmannschaft nicht Interesse genug an
Grenzboten II 1894 7Z