Livland
n dein letzten Jahre hat man in der deutschen Gesellschaft vielfach eine neue Erscheinung kennen gelernt, die sogenannten baltischen Emigranten, und die Tagespresse bringt häufig Artikel und Mitteilungen über die fortschreitende Russifizirung in den Ostseegouvernements, durch die diese Männer bewogen worden sind, ihre Heimat zu verlassen. Eine gewisse Teilnahme für jene Gegenden und Menschen ist dadurch wohl erweckt worden, aber eine rechte Vorstellung von der eigentlichen Sachlage kann sich trotzdem nicht bilden, weil die Darstellung der Ausgewanderten oft weder für geschickt noch für unparteiisch gelten kann, und Zeitungsmitteilungen nie gut unterrichten können, wenn der Leser über das, um was es sich handelt, mehr oder weniger im unklaren ist.
Als merkwürdig füllt gleich zuerst auf, daß weder Land noch Leute einen eigentlichen Namen haben. Meist hört man „Ostseeprovinzen" und „Balten," häufig auch die Sonderbezeichnungen „Kurland," „Livland" und „Esthland." Die letzten drei Namen bezeichnen aber nur die administrative Einteilung eines im übrigen durch seinen ganzen Charakter einheitlichen Gebietes, dem im Laufe der Geschichte sein alter Gesamtname abhanden gekommen ist. Livouia, Livland, hieß es vom dreizehnten bis zum siebzehnten Jahrhundert, und seine Bewohner Livländer; als aber mit dem Auseinanderfallen des Landes unter verschiedne neue Herren seine einheitliche Geschichte aufhörte, beschränkte sich dieser Name auf den mittlern Hauptteil, etwa die Hälfte des Ganzen. Geschichtlich ist „Livland" die einzig richtige Gesamtbezeichnung, nnd die „Balten" thäten wohl, ihn wieder anzunehmen; nur der allerdings urdeutsche Zug provinziellen Selbstbewußtseins der „Kurländer," „Livländer" und „Esthländer," gleichsam der Partikularismus im Wasferglase, ist ihnen dabei hinderlich.
Grenzboteu II 1894 61