Wir Demokraten
er heute noch leugnen wollte, daß die Zeit immer demokratischer wird, und folglich wir mit ihr, der müßte sich auf eine entschiedn? und wahrscheinlich etwas verächtliche Abfertigung gefaßt machen. Und in der That würde er einen argen Mangel an Beobachtungsgabe verraten. Allerdings nimmt der Prozeß der Ausgleichung der sozialen Unterschiede einen etwas andern Verlauf, als mau sichs früher dachte. Den Grad äußerlicher Gleichstellung, den in Frankreich die große Revolution zuwegegebracht hat, die Herrschaft des Non8isur durch alle Klaffen der Bevölkerung ohne Ausnahme, haben wir freilich in Deutschland nicht erreicht. Aber das ist lediglich Formfrage, die Sache ist die Gleichheit, und einerlei, ob sie durch Herabsetzung der ehemals Höhergestellten gewonnen wird, oder durch allgemeine Erhöhung der Niedern, wie in manchen Teilen des einstigen polnischen Reiches, wo jedermann adlich ist, oder wie in Österreich, wo ein ähnlicher Zustand durch die allgemeine Titulatur „Herr von" wenigstens angestrebt wird. Und die Tendenz, der Ausgleichung einen höhern Durchschnitt zn Grunde zu legen, niemand in seinen angebornen Rechten zn verkürzen, sondern die in diesem Sinn Enterbten zu entschädigen, herrscht bei uns unverkennbar vor. Das ist doch auch demokratisch, wenn schon „auf eine andre Art," wie es in den Kochbüchern heißt.
Im Revolntionszeitalter bis gegen die Mitte des Jahrhunderts konnte ebenfalls von einer dcmokratisirenden Strömung gesprochen werden. Man bekämpfte die Borrechte der Geburt, die Einbildnng und Anmaßung des Junkertums, uud der aufgeklärte Teil des Adels staud in diesem Kampfe ans Seiten des Bürgertums. „Ju dem Punkt, Frau Gräfin, entschuldigen sie mich, denk ich bürgerlich, sehr bürgerlich!" antwortete Franz von Gandh der Gräfin Hahn-Hahn, die sich darüber aufgehalten hatte, daß sich „ein Baron" der Grenzbvteu II 1894 55