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Blicke auf unser öffentliches Leben
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Blicke auf unser öffentliches Leben

vom Rhein

enn der moderne Mensch seinen Mitmenschen ehren will, wenn er eine hohe Persönlichkeit empfangen, eine Anstalt zur Hebung verwahrloster Kinder „beiderlei Geschlechts" einweihen hilft, ja wenn er nur eine gesellige Festlichkeit im Kasino oder bei einer befreundeten Familie besucht, so verwandelt er sich alsbald in eui schwärzliches Wesen, das nur am Hals und an den Handgelenken einige hellere Streifen aufweist, sich aber sonst von seinen Genossen nur durch Höhe des Körpers und Leibesumfang unterscheidet. Warum thut er das? Glaubt er, daß es dem, den er ehren will, Vergnügen macht? Mag sein, denn ein Heer gesiunungstreuer Beamten oder Stadtverordneten, einer wie der andre im Frack und mit dein Cylinder auf dem Kopfe, muß zum Beispiel ans jedes landesväterliche Herz einen wohlthuenden Eindruck machen. Wo der äußere Mensch in Ordnung ist, da ist es auch der innere, und wer hätte wohl ein so verdorbnes Gemüt, um hinter der tadellosen Erscheinung eines Negierungsassessvrs im Gesellschaftsanzug auch nur den geringsten tadelnswerten Gedanken zu suchen? Insofern hat unsre bürgerliche Uniform lhre tiefe Berechtigung. Wie aber, wenn wir nicht zusammenkommen, um irgend jemand zu ehren, sondern nur, um in harmloser Geselligkeit uus und ""dre zu unterhalten? Weshalb streifen wir auch da sorgfältig alle Farbe ^'vn uns ab? Der Grund liegt tiefer. Die Alten bemalten ihre Tempel und Bildsäulen; wir überziehen unsre öffentlichen Gebäude und Denkmäler mit einem eintönigen schmutzigen Grau. Auf den Festen der Renaissance, wie sie uus Tizian und Paolo Neronese geschildert haben, wogte eine lebensfrohe "enge in farbenprächtigen Gewändern; auf unsern Festen sehen wir nur Ichwarze Männer und mattfarbige Frauen und lauter gelangweilte Gesichter.

Grenzboten II 1894 37