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Die Lehren der Kunstgeschichte und die „neue Kunst"
die herbeikommen, um ihm für seine Verdienste in der Eisenbahnangelegenheit eine Huldigung darzubringen, erklärt er zum Entsetzen der übrigen „Stützen" in dürren Worten den Sachverhalt; die Ovation wird natürlich zu Wasser, aber das Stück schließt mit der Aussicht, daß dem Konsul und den Seinigen aus Wahrheit uud Freiheit ein besseres Glück erblühen werde.
Ein ernster Gedanke ist hier mit vollendeter Technik zu einer durchsichtigen, spannenden und wirkungsvollem Handlung verarbeitet; die Charakter- zcichnung ist meisterhaft. Nur eins möchte die Kritik anders wünschen: daß die neugierige Frage, wie dem Konsul inmitten der bisherigen Umgebung das neue Leben bekommen werde, uubecmtwortet bleibt. Denn daß die beschränkte und vor allem auf äußern Anstand gegründete Gesellschaft den Handschuh, den ihr Bernick mit seiner Selbstanklage ins Gesicht wirft, gleichmütig hinnehmen werde, wird niemand glauben wollen.
Wenn man gegen das Stück geltend gemacht hat, daß doch nicht alle „Stützen" so saul seien wie in der von Ibsen geschilderten Gesellschaft, so dürfen wir dieser Bemerkung glücklicherweise mit mehr Ehrlichkeit als der Pharisäer im Tempel beistimmen, aber mit der Frage nach der Wahrheit des Dramas hat das nichts zu thun. Selbstsucht und Gemeinsinn liegen heute allenthalben im Streite, und es läßt sich nicht leugnen, daß seit einigen Jahrzehnten der Tanz ums goldne Kalb den Charakter eines Canecm angenommen hat, in dessen Taumel manches, was unsern Vätern als edel und kostbar erschien, spurlos unterzugehen droht.
(Schluß folgt)
Die Lehren der Kunstgeschichte und die „neue Kunst"
von Adolf Rosenberg
eit einigen Jahren hat es Karl Woermann, dem gelehrten und scharfblickenden Kunsthistoriker und Direktor der Dresdner Gemäldegalerie, beliebt, uns — natürlich bildlich gesprochen einen Jnnuskopf zu zeigen- Der eine blickt mit den alten, scharf und hell gebliebnen Augen rückwärts in die abgeschlossene Vergangenheit der Kunstentwicklung, also in das, was wir Kunstgeschichte nennen, während die Augen des andern die Nebel zu durchdringen suchen, die dem Auge des gewöhnlichen Sterblichen die Zukunft der Entwicklung der „neuen Kunst" verhüllen. In der Praxis hat der Direktor der Dresdner Galerie