Henrik Ibsen
ein andrer Dichter des Auslandes hat in den letzten fünfzehn Jahren unsre litterarischen Kreise so sehr in Spannung gehalten wie der Norweger Ibsen; sein Name ist eine Zeit lang die Losung in einer Fehde gewesen, in der zwar schon manches gute und auch manches schlechte, aber das letzte Wort noch nicht gesprochen ist. Der Widerstreit zwischen Naturalismus und Idealismus ist alt, so alt wie die Dichtkunst selbst, und wenn auch das Fcldgcschrei mitunter ein andres wird, und andre Streiter mit neuem Rüstzeug auf dem Plan erscheinen, so wird man doch bei scharfem Zuseheu erkennen, daß der Gegenstand des Kampfes im Grunde derselbe geblieben ist. Denn jener Widerstreit, genauer gesagt der Versuch, ihn zu schlichten, ist das Treibende sowohl in der Gesamtentwicklung der Poesie wie in der Seele des Dichters.
Ibsens Werke haben vorübergehend die deutsche Kritik in zwei Lager geschieden, von denen das eine dem nordischen Dichter Weihrauch streute, das andre ihn aus vollen Schalen mit Spott und Hohn überschüttete. Aber das Hosianna der einen wie das Kreuzige ihn der andern ging übers Ziel hinaus, und es zeigte sich auch hier, daß wir von Freunden und Feinden gleich selten die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu hören bekommen.
Der Verfasser dieses Aufsatzes weiß sich heute von jeder Befangenheit gegenüber dem Dichter Ibsen frei. Ehedem war es anders. Wozu es auch leugnen! In einer Zeit, wo gewisse Dichterfirmen auf unsrer Schaubühne ihr Geschäft machten, wo die ohne Schutzzoll importirten Pariser Sittenstücke die Bretter, die sonst die Welt bedeuten, zu einem Konterfei der Halbwelt erniedrigten, wird mancher, dem der gute Ruf des deutschen Theaters naheging, in Ibsens „Stützen der Gesellschaft" die Vorboten einer neuen Blüte der dramatischen Knust begrüßt haben. In dieser Hoffnung mußte sich bestärkt fühlen, wer des Dichters Entwicklung von ihren Anfängen an verfolgte, denn was er dabei entdeckte, war ein rastloses Ringen, ein kräftiges Weiterstreben auf einer, wie es damals schien, nach oben führenden Bahn. Aber dieses Vertrauen erhielt durch die im Jahre 1881 erscheinenden „Gespenster" einen empfindlichen Stoß und ist nach einigen Schwankungen sieben Jahre später mit der „Frau vom Meere" für immer versunken.