Beitrag 
Sozialismus und Sozialdemokratie
Seite
248
Einzelbild herunterladen
 

248

Der Antisemitismus wie er ist

Streben des Einzelnen darauf gerichtet sein mag. Zu verschieden Zeiten können sie in verschiednem Maße neben einander bestehen. Heute will die Sozial­demokratie das sozialistische Element als das alleinige gelten lassen, wodurch das natürliche Recht des Einzelnen so stark eingeengt wird, daß seine Be­stimmung und seine Wirksamkeit beinahe aufgehoben erscheint. Dem gegen­über betont der christliche Sozialismus, daß immer und überall der Mensch ein mit Selbsterhaltungstrieb und darum mit Eigentumstrieb ausgestattetes Einzelwesen mit eignen Neigungen und Interessen ist, aber zugleich ein Glied der Gattung, die ihm iu Gemeinschaften entgegentritt, deren Ordnungen immer mehr von christlichem Geiste durchdrungen werden sollen. Wem freilich dieser Geist zuwider ist, wessen Ideal schrankenlose Bethätigung des Willens auf allen Gebieten heißt, dem ist auch der Gedanke, Schranken in der Eigen­tumsanhäufung zu errichten, so entsetzenerregend, daß er wie sinnlos von Sozialdemokratic schreit, er, der nichts ahnt von der zersetzenden Tendenz, die in dem Manchestertum liegt. Aber diese Angstrufe zeigen, wie schwere Kämpfe noch ausgefochten werden müssen, um die Besitzenden davon zu überzeugen, daß mit unsrer sozialen Gesetzgebung, mit Almoscngeben u. dergl. wenig gethan ist, wie ganz andre Opfer von ihnen gebracht werden müssen, um der aus­gleichenden Gerechtigkeit in unserm Leben zum Durchbruch zu verhelfen. Das Christentum, dem sie dem Namen uach angehören, wird ihnen recht unbequem werdeu, sobald sie sehen, daß es eben nicht nur eine tote Form ist, sondern eine siegreiche Macht, die Seelen der Menschen zu zwingen. Dazu will der christliche Svzialismus verhelfen. Und da sollte er auf derselben Linie stehen wie die Sozialdemokratie?

Der Antisemitismus wie er ist

Z. Ausblicke

ie im vorigen Abschnitt geschilderte Buntscheckigkeit der antisemi­tischen Bewegung ist von ihren Anhängern oft als ein schwerer Schaden beklagt und von ihren Gegnern als ein Zeichen der Schwache und innerer Zerfahrenheit verspottet worden. Das eine ist im Grunde so ungerechtfertigt wie das cmdre. Weil die Bewegung nicht von irgend einem politischen Unternehmer künstlich gemacht worden ist, sondern aus den Bedürfnissen und Empfindungen des ländlichen und städtischen Mittelstandes herausgewachsen ist, zeigt sie dieselbe bunte Mannichfaltigkeit wie dieser selbst. Das ist gerade ein Zeichen, daß wir es