Deutschtum und polentum
en sechsundsiebzigsten Band der Preußischen Jahrbücher leitet Herr Professor Delbrück in der „Politischen Korrespondenz" mit einem Aufsatz über das „Polentum" ein. Er bespricht darin die praktischen Maßregeln der preußische» Regierung — wie er sagt — „zur Bekämpfung des Polonismus und Beförderung des Deutschtums" im letzten Jahrzehnt und unterzieht diese besonders ans dem Gebiete der Kolonisation und der Volksschule einer vernichtenden Kritik. „Das Ergebnis unsrer bisherigen Polenpolitik ist in jeder Beziehung ein(!) ungenügendes." Die Kolonisation ist in nationaler Beziehung „schlechterdings wertlos," sie muß „aufgegcbeu werden"; in der Volksschule herrscht eiu „uunatürliches Schulsystem"; die Polen müssen durch eine Änderung dieses Systems ausgesöhnt werden; die bisherige sogenannte Germanisiruugspolitik auf diesen Gebieten hat völlig „Fiasko" gemacht.
Die armen Leute, die diese bisherige Politik gemacht haben! Das müssen schrecklich beschränkte Köpfe gewesen sein! Und sogar Fürst Bismarck, der doch sonst recht gescheit war, hat sich von ihnen düpiren lassen. Daß sie aber auch Herrn Professor Delbrnck dabei nicht zu Rate gezogen haben! Freilich sie konnten nicht wissen, wie furchtbar er im Jahre 1894 mit ihnen ins Gericht gchen würde. Ju fünfzehn Druckseiten völlig abgethan zn werden — es ist schrecklich!
Aber solche Abfertigungen der bisherigen sogenannten Polenpolitik sind in letzter Zeit uichts uenes. Versöhnen ist ein schönes Wort, wer möchte sich wohl nicht versöhnen? Also wollen wir uns auch mit den Polen aussöhnen und ihre berechtigten Ansprüche anerkennen, sagt Herr Delbrnck. Gewiß, wer könnte dagegen etwas einwenden? Wir glauben, daß die preußische Regierung diesen Zweck, sich mit den Polen über ihre berechtigten Ansprüche auszusöhnen,
Grenzboten II 1894 25