Der Antisemitismus wie er ist
Die einzelnen Dichtungen
eber die Judcnfragc haben die Grenzboten schon mehrere Auf- sätze gebracht, die zusammen den Gegenstand so ziemlich erschöpfen; daher brauche ich nicht nochmals auf sie einzugehen. Dagegen dürfte es zur Vervollständigung des bisher gegebnen Durchschnittsbildes zweckmäßig sein, den Einzelrichtungen, in denen die Bewegung Form gewonnen hat, noch eine kurze Betrachtung zn widmen.
Die älteste antisemitische Organisation ist Stöckers christlich-soziale Partei, die allerdings von vornherein wohl nie als ein selbständiges Gebilde, sondern nur als Hilfstruppe der Konservativen gedacht worden ist und in dieser Form anch jetzt noch besteht. Stöcker wandte sich anfangs ausschließlich an die Arbeitskreise, um sie der Sozialdemvkratie abwendig zu macheu. Das ist ihm nur in geringem Maße geluugen, und heute besteht sein Anhang in der Hauptsache aus Angehörigen des Mittelstandes, die in allen wesentlichen wirtschaftlichen Fragen mit den übrigen Antisemiten einig sind. Das Trennende liegt nnr darin, daß die Christlich-Sozialen neben den wirtschaftlichen auch noch kirchliche Ziele verfolgen, nnd daß sie sich bei der konservativen Partei festhalten lassen. Nennenswerte Fortschritte scheint diese Richtung in den letzten Jahren nicht gemacht zu haben, ihre Stärke liegt in der Persönlichkeit ihres Führers, mit ihm steht nnd fällt sie.
Kaum hatte Stöcker den Antisemitismus ins öffentliche Leben eingeführt, so begannen auch die Versuche, die ucue Bewegung von der geistlichen Leitung unabhängig zu machen. So tagte z. B. am 17. Dezember 1880 in Berlin eine zahlreich besuchte Versammlung, die erklärte, daß „der drohenden Haltlosigkeit unsrer Zeit durch Gründung einer freisinnigen, von Juden freien Partei vorzubeugen" sei. Aber diese Bestrebungen blieben lange erfolglos, weil es au Führern fehlte, die die nötige Autorität auszuüben verstanden, und als sich diese endlich fanden, da waren es ihrer wieder zu viele, und statt einer antisemitischen Partei bildeten sich im Jahre 1889 gleich zwei, die „deutsch-soziale" und die „antisemitische Volkspartei," die jetzt den Namen „deutsche Reformpartei" angenommen hat. Wesentliche Programmunterschiede