Die Post im Reichstage
ei der vor einigen Tagen beendigten zweiten Lesnng des Post- etats klang aus den Reden aller Parteien bis in die Reihen der Konservativen hinein — bei aller Anerkennung für die hervorragende Bedeutung unsers Generalpostmeisters — der Ton der Unzufriedenheit heraus, daß die Post so wenig Überschuß (für 1894/95 veranschlagt auf 25 Millionen Mark) liefere, obgleich sie von der Eisenbahn Leistungen im Besörderungsdienste im Werte von 24 Millionen Mark jährlich unentgeltlich erhalte. Einzelne Redner erklärten sogar unumwunden, daß die Reichspost, wenn sie diese unentgeltlichen Leistungen den Eisenbahnen bezahlen müßte, überhaupt keinen Überschuß liefern würde, daß die zahlreichen stattlichen PostHäuser lediglich aus den der Eisenbahn vorent- haltnen Beträgen gebaut würden u. dergl. m.
Der Herr Staatssekretär des Reichspvstamts hat diese Klagen im wesentlichen durch die Gegenklage widerlegt, daß die Reichspostverwaltnng den Eisenbahnen nicht allein das höchst wertvolle Regal der Personenbeförderung ohne besondre Entschädigung abgetreten, sondern außerdem noch große Lasten zu Gunsten andrer Behörden nnentgeltlich übernommen habe, z. B. die portofreie Beförderung der Postsendnngen in Militär- nnd Marineangelegenheiten, den Vertrieb der Marken für die Unfall- und Altersversicherung n. s. w.
Ob das von der PostVerwaltung an die Eisenbahn abgetretne Regal allein jene 24 Millionen Mark, die angeblich die von der Eisenbahn für die Post- verwaltnng unentgeltlich geleisteten Beförderungsdienste kosten sollen, wert sei, mag dahingestellt bleiben. Daß aber dieses Regal und die erwähnten umfangreichen Leistnngen der Post für andre Behörden sowie zur Ausführung der sozialpolitischen Gesetze zusammengenommen jene 24 Millionen Mark reichlich aufwiegen, dürfte kaum zweifelhaft sein.
Grenzbote» II 1894 19