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Maßgebliches und Unmaßgebliches
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92 Maßgebliches und Unmaßgebliches

eine» unentbehrlichen Bestandteil des planmäßigen Geschichts»»terrichts der Gym­nasien bilde, das; man aber darauf verzichten müsse, die Geschichte der altoricmta- lischen Kulturvölker iu irgend welcher größer» Ausdehnung zu behandeln, sie vielmehr mir episodisch, soweit sie zum Verstiiuduis der griechischen Geschichte uu- entbehrlich sei, zur Geltung komnieu lasse» dürfe. Andrerseits aber war die Ver­sammlung auch der Meinung, daß auf der obersten Stufe des Gymnasialunterrichts die alte Geschichte als besondrer Lehrgegenstaud hinter der neuern zurückzutreten habe, und daß ihre vertiefende Behandlung im wesentlichen der lateinischen und griechischen Lektüre zu überlassen sei, die überhaupt als eine elementare Qucllen- lektüre und zwar als die für Gymnasien einzig mögliche erscheine nnd somit besonders geeignet sei, den wissenschaftlichen Sinn reiferer Schüler zn wecken. Von diesem Standpunkt ans nahm die Versammlnng mit großer Mehrheit auch eine These Jägers an, die sich ziemlich scharf gegen die Verkürzung dieses Unter­richts in der preußischen Prüfungsordnung von l8!>2 waudte. Es zeigte sich also, daß die Historiker einerseits die Überzeugung von der grundlegenden Bedeu­tung der antiken klassischen Bildung festhielten, andrerseits aber auch die Verpflichtuug der hoher» Schule anerkannten, in die neuere nnd neueste Geschichte (nämlich bis 1371, »icht bis 1388) ei»zuführe» und diese Aufgabe nicht den Universitäten zu überlassen. Diese Forderung wurde »icht uur mit dem unleugbar dafür vorhanduen Interesse reiferer Schüler begründet, sonder» auch mit dem Hinweise darauf, daß es die iinmer weiter fortschreitende Spezialisirung der Wissenschaften in dem Betriebe der Hochschulen der ungeheuern Mehrzahl der Studente» (man sprach von neunzig Prozent) eiusach unmöglich mache, andre als Fnchkollegien zu hören, daß aber auch die historische» Vorlesimge» selbst überwiegend deu Charakter des Fachnüißigcn an­genommen hätten, woraus sich vo» selbst für die Vorbereitttugsanstalt, also für die höhere Schule, die Verpflichtuug ergebe, in diese Lücke einzutreten, damit ihre Schüler wenigstens einen Überblick und ein genügendes Interesse für die neuere und neueste Geschichte mit hiuweguähmen. Dieser Begründung wurde von keiner Seite widersprochen, sie fand vielmehr gelegentlich unnmwundne Anerkennung. Der schon in München fast zu schroff abgelehnte Gedanke, den historischen Unterricht gewissermaßen für unmittelbar praktische Zwecke zu verwerten, hatte anch in Leipzig kei» Glück; mehr als einmal wurde bestimmt ausgesprochen, die Schnle habe zwar die Aufgabe, eiueu kräftigen Patriotismus zu pflegen, aber sie dürfe sich nicht in den Dienst irgeud einer bestimmte» politischen Anschauuug stelle». Der Geist der U»abhä»gigkeit, der sich dari» äußerte, kam auch sonst sehr entschieden zum Aus­druck. Mehr als einmal wurde betont, die Versammlung sei nicht dazu da, aus Gründen derOpportunist" Grundsätze zu billigen, weil sie in irgeud welche» Regulativen stünden, sondern das zu vertreten nnd ausznsprechen, »ms sie für wahr halte, gleichviel, ob es angenehm berühre oder nicht.

We»n somit der zweite Historikertag hierin zeigte, daß er der Bewegimg der Zeit zu folgen verstehe, so trat die tiefe Umwandlung der Geschichtswissenschaft iu den letzten drei Jahrzehnten in den eigentlich fachmäßigen Vorträgen und Beratungen nicht weniger hervor. Es ist ein besondres Verdienst der Leipziger Geschä'ftsleitnng (Lamprecht, Arndt, Baldnmns), hier die entscheidenden Anregungen gegeben zu habeu. Als Geschichte galt früher die Erzählung von den Kämpfen der Staaten gegen einander uud iu ihrem Innern. Alles andre, selbst die Verfnssungsgeschichte, von andern Dingen ganz abgesehen, galt als Beiwerk, als sogenannte Kulturgeschichte, nm die sich der eigentliche, d. h. der politische Historiker, nicht näher zn kümmern habe. Ein großes' Muster dieser Art von Geschichtschreibung bildet u. a. die Ge-