Beitrag 
Maßgebliches und Unmaßgebliches
Seite
91
Einzelbild herunterladen
 

Maßgebliches und Unmaßgebliches

Der zweite deutsche Historikertag. In den letzten Tcigen der Oster- wvche, vom 29. bis zum 31. März, versammelten sich zum zweitenmale die Ver­treter der deutschen Geschichtswissenschaft, und zwar iu Leipzig. Die zentrale Lage der Stadt war wohl der Hauptgrund, das; der Besuch die Zahl der zn Ostern v. I. in München versammelten Historiker etwa nnn das Dreifache überstieg, denn die Liste wies schließlich 377 Namen auf, und alle Gebiete deutscher Zunge, erfreu­licherweise auch die vldmischen Lande, waren vertreten. Aber zugleich konnte man aus dieser regen Beteiligung seheu, daß diese jüngste der große» Wnnderversamm- lnngen, die dem wissenschaftlichen Leben Deutschlands seit mehr als fünfzig Jahren so eigentümlich sind und sich vor allem daraus erklären, daß wir eiu geistiges Zentrum, wie es Paris für die Franzosen bildet, nicht haben, einem lebhaft em- pfnndnen Bedürfnis entspricht. Ebenso mannichfaltig erschien die Zusammensetznng nach den besondern Bernfskreisen. Universitätsprofessoren und Archivbeamte standen neben den Schulmännern, die wohl die gute Hälfte der Versammlung bildeten, obwohl sie im eigentlichen Vorstand keinen Platz fanden, nnd auch die Festschrift der Leipziger Historiker nnr Namen aus dem Kreise der Universität aufwies. Nicht minder waren alle Richtuugen der Geschichtswissenschaft, die Litteratur- und die Kirchengeschichte mit eingeschlossen, vertreten. An änßerm Glänze konnte sich frei­lich der Historikertag mit der 42. Versammlung deutscher Philologen und Schul­männer in Wien, vou der im letzten Jahrgange dieser Blätter berichtet wurde, nicht messen, und er hätte auch keinen Anspruch darauf gemacht. Doch hieß die Stadt Leipzig die Historiker in der Eröffnnngssitznng mit warmen Worten will­kommen, und als Vertreter der königlich sächsischen Staatsregierung wohnte dieser Sitzung der Kultusminister von Seydewitz bei. Indem aber von festlichen Ver­anstaltungen, wie sie iu Wien in so großartiger Weise geboten wurden, abgesehen worden war, gestaltete sich der Verkehr um so zwangloser und fand zugleich bei der geringern Zahl der Teilnehmer und den verhältnismäßig kleinern Entfer­nungen der Stadt, die überdies an sogenanntenSehenswürdigkeiten" wenig bietet, immer wieder seinen Mittelpunkt, sodnß sich persönliche Beziehungen leicht anknüpfen oder erneuern ließen. Und solche bleiben doch eins der wichtigsten Ergebnisse von Zusammenkünften dieser Art. Auch war dabei von Absonderung nachFächern" nichts zu spüreu, das Bewußtsein der Gemeinsamkeit überwog.

Eine Folge davon war und das war der erste charakteristische Zug der Beratungen, daß die Leipziger Versammlung die schon in München erörterte Frage nach der Gestaltung des geschichtlichen Unterrichts auf den Gymnasien wieder aufnahm. Sie bekundete damit, daß diese Frage für die Historiker aller Berufs­arten von Interesse sei, daß es sich nicht nur um eine Schnlaugelegenheit haudle, daß also auch die Universitätslehrer ihr nicht gleichgiltig gegenüber stehen dürfen. Nicht minder bezeichnend waren die Anschauungen, die sich nach den Referaten dreier Berichterstatter aus deu verschiedensten Teilen Deutschlands und Deutsch­österreichs (Jäger aus Köln, Hannak aus Wieu, Kaemmel ans Leipzig) in der ausgedehnten und lebhaften Debatte und endlich in den fast einstimmig cmgenommnen Thesen als die herrschenden herausstellten. Allgemein sprach man sich dafür aus, daß die Geschichte des Altertums, genauer genommen der Griechen und Römer,