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Dürers schriftlicher Nachlaß
von Karl Aötschau
ie kunstgeschichtliche Forschung der letzten Jahre hat eine stattliche Zahl von Abhandlungen über Dürer hervorgebracht. Ob aber dadurch die Geschichte seiner Entwicklung mehr Licht erhalten hat, ist eine Frage, über die die Ansichten weit auseinandergehen. Hin uud her geworfen im Streit der Meinungen, mußte sich der Freund der Dürerschen Kunst nach einer festen Grundlage sehnen, von der aus er endlich einmal wieder einen ruhigen Blick auf des Meisters Schassen und Empfinden richten konnte. Mit Freuden wird er es daher begrüßt haben, als vor kurzem K. Lange und F. Fuhse Dürers schriftlichen Nachlaß Herausgaben*) und ihm damit Gelegenheit verschafften, seine Ansichten über des Meisters Charakter und künstlerische Anschauungen an der reinsten Quelle wieder zu klären.
Das Studium dieses Nachlasses war bisher mit mancherlei Schwierigkeiten verbunden. Wenn man sich die einzelnen Stücke mühselig aus Büchern und Zeitschriften zusammengetragen hatte, so hatte man damit noch nicht das Bewußtsein, nun auch wirklich alles Wertvolle vor sich zu habeu. Ju der neuen Ausgabe ist aber nicht nur alles, was sich in frühern Ausgaben zerstreut findet, vereinigt, sondern es ist anch, dank den glücklichen Funden der Herausgeber, das Bekannte verbessert, ja der Nachlaß um bisher unbekannt oder unveröffentlicht gebliebnes Material ansehnlich vermehrt worden.
In den frühern Veröffentlichungen entsprach die Wiedergabe des Textes nicht immer den Wünschen des Lesers. Bald waren, wie es die auffallenden Verstümmelungen oder Entstellungen vermuten ließen, die Handschriften nur flüchtig gelesen worden; bald hatte man sich allzu eng der Dürerschen Schreibweise angeschlossen, sodaß die Schwierigkeit der Form dem Leser nicht selten das Verständnis einer Stelle erschwerte, oder man hatte das Gegenteil gethan, hatte den Dürerschen Wortlaut aufgegeben, ihn modernisirt und so eines großen Teils seines Reizes entkleidet.
Dürers schriftlicher Nachlaß auf Grund der Originalhandschriften uud teilweise neu entdeckter alter Abschriften herausgegeben von Dr. K. Lange und Dr. F. Fuhse. Mit 1 Lichtdrucktafel und 3 Textillustrationen. Halle a. S-, Max Niemeyer, 1393.