Die preise der landwirtschaftlichen Erzeugnisse
und die Ldelmetallwcihrungen
von Otto Gerlach
ie Notlage unsrer Landwirte beruht darauf, daß die Preise ihrer Erzeugnisse und mit ihnen die Reinerträge zurückgegangen sind, während sich ihre in Schuldzinsen und Steuern bestehenden festen Geldansgaben nicht verringert haben. *) Der Preisfall der landwirtfchaftlichen Erzeugnisse erscheint auf den ersten Blick als eine Verteuerung des Geldes: man mnß mehr Roggen, mehr Weizen hingeben, um die gleiche Menge Kronen wie früher zu erlangen. Mancher Landwirt mag um so sichrer glauben, er habe es mit einer Verteuerung des Geldes zu thun, als die Produktionskosten der Landwirtschaft bei uns kaum wesentlich zurückgegangen sein dürften, denn den technischen Fortschritten stehen gestiegne Löhne gegenüber. Wenn wir unsern Roggen und Weizen — so schließen unsre Grundbesitzer — nicht billiger als früher Produziren können, und wenn trotzdem ihre Preise fallen, so kann die Schuld nicht auf Seiten der landwirtschaftlichen Erzeugnisse zu suchen sein; sondern der Grund muß in einer Verteuerung unsers Geldes, des Goldes, liegen.
Will man ein Übel heilen, so muß man seine Ursachen aufs sorgfältigste erforschen. Bekämpft man nur die Anzeichen, so kann leicht statt der Heilung eines Gliedes die Erkrankung des ganzen Körpers eintreten. So auch in der Volkswirtschaft. Wenn man die gesunknen Geldpreise der landwirtschaftlichen
*) Obwohl sich dieser Aussatz mehrfach mit dem von Bahr im 10. Hefte berührt, haben wir ihm doch gern Aufnahme gewahrt, da er auf andern Wegen als Bahr ganz zu demselben Ergebnis kommt. Wir empfehlcu auch diesen klar und für jedermann verständlich ge- fchriebnen Aufsatz angelegentlich der Aufmerksamkeit unsrer Leser.
Grenzboten 1 1894 71