Die Frauenfrage
muß es den Leiterinnen der Frauenbewegung lassen, daß sie Ziele mit Eifer und Ausdauer verfolgen. Seit mehr als Jahren sind sie unausgesetzt bemüht, ihre Ideen und Forde- WWMW rungen in Zeitungsartikeln, Broschüren und öffentlichen Vor- zu verbreiten und nicht nur die Frauenwelt von der Notwendigkeit der Reformen, die sie planen, zu überzeugen, sondern auch hervorragende Männer dafür zu gewinnen.
Jeder klar denkende Mensch wird ja nuu zugeben, daß gegenwärtig unter den unversorgten Frauen und Mädchen ein großer Notstand herrscht, und daß es eine unabweisbare Pflicht der Eltern ist, ihren Töchtern ciue Erziehung zu geben, die diesen, besonders wenn sie keine Renten haben und ledig bleiben, eine wirtschaftliche Selbständigkeit ermöglicht. Es giebt im Mittelstande und unter den höhern Beamten sehr wenig Leute, die die Zukunft ihrer Töchter durch ein genügendes Kapital sicher stellen können, und denen es gelingt, die Töchter unter die Haube zu bringen. Die meisten Beamtenfamilien leben heutzutage aus der Hand in den Mund, und wenn der Vater die Augen schließt, hinterläßt er die^Töchter oft ärmer, als es die eines Arbeiters sind. Es ist daher vom wirtschaftlichen Standpunkte aus ganz erklärlich, daß sich in der letzten Zeit soviele höhere Beamte, Professoren, Schriftsteller und audre gebildete Mitglieder der großen Kaste der Enterbten und Vermögenslosen für die Frauenfrage erwärmt und die Ziele der ganzen Bewegung als erstrebenswert und notwendig bezeichnet haben. Die idyllischen Zustände, wo Vater und Mutter die Hände iu den Schoß legten nnd lächelnd warteten, bis der richtige Freier kam und das Töchtercheu zu einer glücklichen jungen Hausfrau machte, sind lange vorüber. Aus dem nutzlosen passiven Verfahreu sind daher die entschlossenen Mütter jetzt zu einem mehr Erfolg versprechenden aktiven übergegangen. Sie schleppen den keuchenden Mann und die vor Aufregung stumpfsinnig gewvrdne Tochter aus einer Gesellschaft in die andre, aus einem Tanzvergnügen ins andre, aus einem Wohlthütigteitsbazar in den andern, aber alles ist umsonst. Kein Freier meldet sich, und die Tochter kann dem Himmel danken, wenn sie bei dieser Hetzjagd mir verblüht und nicht auch körperliche Leiden davonträgt.