Unsre deutschen Brüder in Osterreich
Und wenn der Überwundne klug ist, Gesellt er sich zum Überwinder.
ieses Wort kommt mir seit kurzem oft in den Sinn. Von einem langjährigen Aufenthalt in Österreich zurückgekehrt, darf ich mir wieder die Stimmen meiner norddeutschen Heimat ins Ohr klingen lassen, und unter ihnen ist ein Klang zu vernehmen, der, wenn man will, dem Goethischeu Spruch Antwort giebt. Wohl haben sich die überwundnen österreichischen Brüder ihren nordischen Übcrwindern „zugesellt" und sich mit Bündnissen und Vertrügen fest an sie angeschlossen. Mit liebender Bewundrung sehen sie zu den sieggekrönten Stnmmesgenossen auf, deren herrlichstem Lorbeer sie doch nur um vier Jahre vorher mit Strömen eignen Blutes den Boden düngen halfen. Sie müssen sich täglich durch schwere innere Kämpfe daran mahnen lassen, daß ihnen damals auch der feste Rückhalt dem wild andrängenden Slawentum gegenüber genommen wurde. Aber sie sagen sich, daß es eine große geschichtliche Notwendigkeit war. der sie im Jahre 18K6 zum Opfer gefallen sind.
Es gab eine Zeit, die den Sieger groß nannte, der großmütig den Besiegten ehrte. Wir denken anders. Sobald im deutschen Norden, wo es auch immer sei, auf Österreich und seine Bewohner die Rede kommt, klingt ein Ton an, der in seiner Geringschätzung als selbstverständlich gilt, als handelte es sich um einen Stamm, dessen Kultur mit der unsern nicht iu gleicher Linie stehe. Du lieber Himmel, jedes Kind weiß ja auch, daß wir die sittlich höherstehenden Menschen sind, wir Norddeutschen, daß es unsre moralische Überlegenheit war, die uns auf den böhmischen Feldern zum Siege verhalf! Damit wird nun freilich der thatsächlichen Ehre unsrer Siege über einen tapfern Feind zu nahe getreten; aber wer nähme sich hierbei denn nur die Zeit zn einer solchen Schlußfolgerung? Wir haben nns daran gewöhnt, über
Grenzlwtcn I 1L94 65