Die Grundlagen des deutschen Reichs
von einein sächsischen Historiker
enn man erst anfängt, die Grundlagen einer Einrichtung zu untersuchen, so ist das ein ziemlich sicheres Zeichen dafür, daß man nicht recht zufrieden damit ist und sie in irgendwelcher Weise verändern möchte. Das ist denn auch bei dem geehrten Mitarbeiter dieser Blätter der Fall, der im ersten Hefte dieses
Jahrgangs der Grenzboten am Beginn einer lüngern Reihe von Artikeln über „Neue Ziele, neue Wege" die Grundlagen unsers deutschen Staatslebeus untersucht. Er findet, daß diese Grundlagen allmählich schmäler würden oder überhaupt zu schmal seieu, und zwar in wirtschaftlicher Beziehung durch die zunehmende Prvletarisirung, in konfessioneller durch die Nachwirkungen des Kulturkampfes, in nationaler durch die Stammesgcgensätze, insbesondre die wachsende „Opposition gegen das Preußentum" uud die Ausschließung Deutsch- Österreichs vom deutschen Reiche. Das Hauptgewicht legt er auf den ersten Punkt, und in einer in der That ebenso geistvollen wie unwillkürlich den Leser mit fortreißenden Weise beleuchtet er mit unbarmherziger Klarheit die Folgerungen, die sich daraus ergeben, daß der Boden Deutschlands zu eng wird für seine wachsende Bevölkerung. Er sieht die Rettung zunächst in der Erhaltung und Vermehrung des Bauernstandes, damit nicht Deutschland für seine Bewohner das werde, was England schon längst geworden ist, die Residenz der Nation, nicht mehr ihr Arbeitsfeld. Einen Widerspruch finden wir nnr darin, daß der Verfasser den Versuch, die „innere Kolonisation" in Westprenßen und Posen durch Ankauf verschuldeter Rittergüter wieder aufzuuehmen uud neue deutsche Dörfer zu schaffen, also Laud sür landlose Leute aus dem innern Deutschland, aus nationalen Gründen mißbilligt. Aber im Prinzip wird man ihm nur beistimmen können. Denn wenn wir auch noch fern von der Vorbildung der englischen Volkswirtschaft sind, so liegt uns doch das Beispiel des bourbonischen Frankreichs leider um so näher. Es sei bei dieser Gelegenheit daran erinnert, daß der vielgepriesene, aber höchst einseitige Jndustrialismus Colberts im siebzehnten Jahrhundert, der den Landbau nur als Hilfsgewerbe der Industrie behandelte und daher mit allen zollpolitischen Mitteln „billige" Brotpreise erstrebte, den französischen Bauernstand ruiuirt uud