Maßgebliches und Unmaßgebliches
Die Kapitulation des Liberalismus. Bei verschiednen Gelegenheiten ist in den Grenzboten die bedeutungsvolle Thatsache hervorgehoben worden, das; unsre Liberalen seit einigen Jahren die Vertretung ihrer Grundsätze in der Politik, in den Naturwissenschaften, den Gesellschaftswissenschaften, der Ästhetik, der Geschichte den Sozialdemokraten überlassen haben, dafür aber, um den liberalen Schein zu retten, desto krampfhafter am kirchlichen Liberalismus festhalten. In der dritten Februarwvche haben sie auch diesen preisgegeben. Eigentlich war schon ihr großer Sieg über den Kultusminister von Zedlitz eine Niederlage und Fahnenflucht; denn als der altgläubige Kultusminister das Wort Atheismus in die Debatte warf, brach auf der linken Seite des Hauses ein allgemeiner Sturm der Entrüstung los. Was sind das für liberale Helden, die sich vor dein Vorwnrfe des Atheismus fürchten! Vor dreißig Jahren hätte sich kein preußischer Regierungsrat und Kreisrichter davor gefürchtet, und der alte Holtet), den in seinem Leben kein Mensch für staatsgefährlich gehalten hat, äußerte sogar noch kurz vor seinem Tode, als er schon bei den Barmherzigen Brüderu iu Pflege lag: unser Herrgott müsse au den Atheisten sein besondres Wohlgefallen haben, weil das tüchtige Kerle seien, die von der kostbarsten seiner Gaben, der Vernunft, den rücksichtslosesten Gebrauch machten. Aber wie gesagt, in der dritten Februarwoche haben die Herrcu in aller Form kapitnlirt. In der Kolonialdebatte verwickelte sich Bebel in einen kulturhistorisch-philosophischen Streit mit Herrn Dr. Lieber, dem ein paar konservative Abgeordnete sekundirten. Bebel sprach die Ansicht aus, daß die Betehrung der Schwarzen nnr eine Schein- bekehruug sei und nichts nütze, weil sie erst nach vielen Generationen auf den Bildungsstand erhoben werden könnten, den das Verständnis des Christentums erfordere; denn nicht das Christentum habe eiue höhere Bildung, sondern die hohe Bildung der jüdisch-griechisch-römischen Welt habe das Christentum erzeugt, und uicht durch das Christentum habe die Kirche die Germanen erzogen, sondern durch die Reste der griechisch-römischen Kultur, die sie ihnen gebracht habe. Nun ist das ganz genau der Standpunkt der modernen Wissenschaft, wie ihn z. B. Buckle ül seinem großen Werke einnimmt. In Deutschland hat zuerst die Tübinger Schule Zu zeigen versucht, daß die Schriften des Nenen Testaments als Niederschlag der vom Hellenismus berührten jüdischen Gednnkenbewegung entstanden seien; und daß ^lle Philosophen, die den Persönlichen Gott leugnen, d. h. alle Philosophen dieses Jahrhunderts nußer Herbart uud Lotze, sowie die Darwiuianer samt den Wotansverehrern die Sache gar nicht anders fassen können, versteht sich von selbst.
Dieser Gegensatz der modernen zur kirchlichen Weltanschauung wurde in An- kuüpfnug an die Nilpfcrdpeitschen vor dem deutschen Volke dargelegt, und die Liberalen — haben Bebel allein die moderne Anschauung vertreten lassen, haben einstimmig geschwiegen. Die Debatte an sich kann ja als eine ganz ungehörige Abschweifung vom Thema gemißbilligt werden. Aber es war zur Rettung der Ehre des Liberalismus nicht nötig, sie zu verlängern; es hätte keine halbe Minute Zeit gekostet, wenn ein freikonservativer Abgeordneter aufgestanden wäre und gesagt h"tte: im Namen aller liberalen Mitglieder des Reichstags erkläre ich, daß nach unsrer Überzeugung der Abgeordnete Bebel Recht hat, während der Abgeordnete lieber auf einem wissenschaftlich überwundnen Standpunkte steht.