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Maßgebliches und Unmaßgebliches
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Maßgebliches und Unmaßgebliches

Konservativ und liberal. Der Gegensatz von Inhalt nnd Form zeigt sich in den politischen Verhältnissen viel schärfer, als es sich der Parteitroß be­wußt ist. Kein verständiger Mann möchte in einem gut geordneten Staatswesen die Partei vermisseu, die ihre Hauptkraft auf die Bewahrung des Hergebrachten richtet, und im Gegensatz zu ihr die andre Partei, die bestrebt ist, auf den ge­gebnen Grundlagen weiterzubaucn nnd den erworbnen Gedankenkreis weiter aus­zudehnen nnd zu entwickeln. Konservativ nnd liberal wenn es gestattet ist, Fremdwörter zu gebraucheu ist die Welt, seit sich kleinere und größere Ver­bände über deu eugeu Familienkreis hinaus zusammengefunden haben. Nur die Formen, in denen diese Züchtungen zum Ausdruck gelangten, geben der Gegenwart ihr Gepräge. Die politischen Parteibestrebungen sind dauernde Versuche, dem be­kannten Inhalt eiuen Ausdruck zu geben. Gelingt das nicht, so entsteht eine Ver­wirrung der Geister, die sich erst wieder löst, wenn es an einein bestimmten Zeit­punkt gelungen ist, Inhalt und Form in Übereinstimmung zu bringen. Man redet oft vou dem Politischeu Wandelprozeß einzelner Menschen, während diese doch nnr verbindlich für eine ganze Richtung waren. Nicht Disraeli ist von einem Liberalen zu ciuem Konservativen geworden, sondern Whigs und Tories haben sich umge­wandelt, sodaß der Staatsmann, der diese Umwandlung verstand und benutzte, aus liberalem Ursprung später die konservative Führerschaft übernahm. Fürst Bis- marck ist vom konservativen Junker ausgegangen und ist später, wenn auch nicht der offne Parteigänger, so doch der thatsächliche Führer des liberalen Bürgertums geworden. Der konservative Inhalt des Staatslebens hatte in den vierziger Jahren einen andern Ausdruck gefnndeu als in den siebziger nnd achtziger Jahren des Jahrhunderts, nnd die liberalen Ideen fanden im Jahre 1848 eine ganz andre Art, zur Erscheinung zu gelangen, als 1866 und 1870, Gegenwärtig findet der alte Gegensatz von konservativ und liberal weniger einen politischen als einen wirt­schaftlichen Ausdruck. Was wir aus diesen Vorgängen der geschichtlichen Entwick­lung lernen sollten, ist Duldung und Anstand. Nirgend war Fürst Bismarct größer, als weuu ihm ein Wandel seiner Gesinnung vorgeworfen wurde. Mit seiuem Spott wußte er die Tadler zu verhöhne», daß sie so lange Jahre nichts gelernt hätten, während er selbst den Jrrtnm früherer Jahre anstandslos zugab.

Gefährlich ist es, wenn die Parteiführer, lediglich nm die Massen zu ge­winnen, eine Form bilden, die sich mehr und mehr von dem Inhalt entfernt. Dann entsteht aus dem Liberalismus die Demokratie, aus dieser die Sozialdemo- kratie, und von ihr splittert sich der Anarchismus ab. Der Konservativismus wird zur Reaktion, zur Herrschaft weniger besitzender Klassen, der Kampf gegen das Über­gewicht des beweglichen Besitzes wird zum Antisemitismus, der Nationalstolz wird zum Rassenhaß. Dann kommt eine Zeit der Verwirrung, der Zersplitterung, der Unzufriedenheit und des Hasses der Volksgenossen gegen einander. Nicht um die Sache wird gekämpft, sondern gegen die Personen. Dann gerät das Vaterland in Gefahr, im Innern zerrissen und gegen das Ausland machtlos zu werdeu.

In solchen Zeitlnnften befindet sich zur Zeit das deutsche Vaterland, dessen Eini­gung und Macht seit Jahrhunderten ersehnt und iu wunderbarer Fügung des Schick­sals »ach blutigen Kämpfen in kurzem Zeitraum erruugcu war. Diese Einheit ist eben-