Litteratur
Mniias. Gedanken über das Seelenleben unsrer Zeit. Bon August Nieinann. Berlin, Philosophisch-Historischer Verlag (Dr. R. Salinger), 1894
Manns, so belehrt uns der als Novellist bekannte Verfasser im Vorwort, nannten die indischen Weisen die Menschenseele in dem gegenwärtigen Stadium ihrer Entwicklung, wo sie noch der rechten Geistigreit crmangle; er habe diese Bezeichnung gewählt, weil er beim Nachdenken über die Menschenseele, wie sie jetzt beschaffen ist, „der Perspektive ans höhere seelische Entwicklung nicht vergessen mochte." Das Büchlein besteht ans einer Reihe von Plaudereien, teilweise in Gesprächsform, über Seelenfragen und Zeiterscheinnngen und ist von Anfang bis zn Ende anziehend und unterhaltend geschrieben, darum nber nicht seicht; der Verfasser kennt die Seele wie die Welt und dringt tief ein in die vorliegenden Probleme. Wir freuen uns, bei ihm eine ähnliche Auffassung des sittlichen Fortschritts, des Bösen, der Freiheit zu finden, wie sie von andrer Seite in den Grenzboten vertreten worden ist, nnd vertraute Gedanken hie und da erweitert und vertieft zn sehen, wobei freilich große Meinungsverschiedenheiten im einzelnen bestehen bleiben. An manchen Stellen glanben wir ein leises spöttisches Lachen zu vernehmen, z. B. wenn der Verfasser im Gespräch mit einer Venetianerin, ihrem Beichtvater Konkurrenz- machend, die Gottesliebe als das einzige wahre Glück der Seele preist und als den Kern der platonischen Liebe, nach der sein schönes Beichtkind gefragt hatte; dagegen ist es ohne Frage vollkommen ernsthaft gemeint, wenn ans S. 156 gesagt wird, gnte Verdauungs- und gute Zeugungskraft seien die Grundlagen alles menschlichen Glücks. Sehr hübsch liest sich die Schilderung der trübseligen Lustigkeit unsrer heutigen Studenten nnd die Verteidigung der Frauen gegen die Angriffe Friedrich Vischers auf ihre Modethorheiten; vielleicht finden feinfühlende Franen die Verteidigung etwas stark, wenn als tiefste Quelle der Putzsucht die echte und wahre Frömmigkeit aufgedeckt wird. An dieser Stelle ist Niemann der zur Höflichkeit bekehrte Schopenhauer. Aus der humorvollen Kritik des Naturalismus, dessen Entstehung sehr scharfsinnig erklärt wird, wollen wir einen Satz anführen: „Ich muß gestehen — sagt Niemann —, daß mir ihr (der Naturalisten) Programm, dem ich völlig zustimme, weit mehr imponiren würde, wenn es von einem einzigen Künstler und nicht von so vielen ausginge. Es ist nicht natürlich, daß so viele große Männer auf einmal auftreten. Die Natnr ist sparsam init Genies, ein ^ Genie aber ist erforderlich zu einem echten und rechten Naturalisten." Der Abschnitt über den Pessimismus beginnt mit einem kleinen thatsächlichen Irrtum. „Ein witziger Kopf hat einmal gesagt, wer vergnügte Tage verleben wollte, müßte zu den Pessimisten nach Berlin gehen. Sie wohnen elegant, sie überarbeiten sich nicht, sie diniren bei Dressel und Hiller, sitzen in den Premieren n. s. w." E. von Hartmann selbst, der aber nicht bei Dressel dinirt, sondern in seiner Arbeit und in seinem Familienkreise sein Glück findet, hat geschrieben: wer glückliche Leute kennen lernen wolle, möge nur zu den Pessimisten kommen, nnd hat dadurch seine eigne Theorie a>ä adsurclnm geführt.
Wie es sich bei einem originellen und geistreichen Buche von selbst versteht, fordern viele Stellen den lebhaftesten Widerspruch heraus. So ist es z. B. zwar richtig und cmch schon in diesen Blättern hervorgehoben worden, daß das, was der heutige Staat unter Religion versteht, so ziemlich das Gegenteil von dem Christen-