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Das Ministerium Windischgrätz und die Parteien in Österreich
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Das Ministerium Mndischgrätz

und die Parteien in Österreich

ahrhnndertelang galt es für ausgemacht, daß die Politik des Aristoteles alle Erscheinungen des Staatslebens umfasse, daß sich jede von ihnen auf eine der Grundformen, die der große Sta- girite aufgestellt hat, zurückführen lasse. Es erregte den hef­tigsten Unwillen aller zunftmäßigen Staatsgelehrten, als Pufen- dorf die Behauptung wagte, die Verfassung des heiligen römischen Reichs deutscher Nation sei in derPolitik" nicht enthalten: es war damit eine Umwälzung in den Anschauungen über den Staat eingeleitet, die nicht minder groß und folgenschwer war als die, zu der es auf dem Gebiete der Natur- wisseuschaft durch die ersten Zweifel an der Unfehlbarkeit der Physik des Aristoteles bereits viel früher gekommen war. Von den folgenden Staats­rechtslehrern haben sich sreilich noch manche mit dem Gedanken geschmeichelt, in ihren Systemen eben so unverrückbare Grundlinien für die Theorie vom Staat gezogen zu haben, wie es die Sätze des Euklid für den Geometer sind Aber allgemeinen Glauben haben sie damit nicht gefunden. Besonders in unserm schnelllebigcn Jahrhundert altern solche Systeme und Theorien un­geheuer rasch. Der große Doktrinär Stahl hat in seinen letzten Jahren eine Reihe von Vorlesungenüber die gegenwärtigen Parteien in Staat und Kirche" gehalten, die dann von Freunden ans seinem Nachlaß herausgegeben worden sind und zu den bedeutendsten Erzeugnissen der politischen Litteratur der ersten sechziger Jahre gehören. Wenn man sie aber heute liest, so staunt man, wie wenig das Bild, das darin von den politischen Parteien entworfen wird, mit den heutigen Verhältnissen übereinstimmt, wie wenig erschöpfend die Dar­stellung ist. Die alten politischen Parteien bestehen ja noch, aber sie haben

Grenzboten I 1894 21