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Gar zu kurz geht Lorenz über die Ludenschen Gespräche mit dem Dichter hinweg (Rückblicke in mein Leben, aus dem Nachlasse von Heinrich Luden; Jena, 1847). Wenn auch die Ansicht, daß die gesamte Darstellung sehr gekünstelt erscheine, gewiß begründet ist, so muß doch betont werden, daß den Ludenschen Niederschriften gerade deshalb ein gewisser Wert innewohnt, weil sie von einem NichtVerehrer des Menschen Goethe herrühren. Selbst dieser verstockte Gegner und unpraktische, das Leben nicht kennende, einseitige Professor muß nach dem Nttßglückten Besnch bei Gelegenheit der Nemesisgründung zugeben, daß „diejenigen im stärksten Irrtum sind, die Goethe beschuldigen, er habe keine Vaterlandsliebe gehabt, keine deutsche Gesinuung" u. s. w. Da das Ludensche Buch dem heutigeu Publikum völlig unbekannt ist, so hätte Lorenz vor allem eine Stelle hervorheben können, die den kalten Minister in einem Lichte zeigt, das den meisten neu sein wird, die Stelle, wo er zu Luden sagt: „Es gilt, Bildung zu verbreiten, und vorzugsweise nach oben."
Maßgebliches und Unmaßgebliches
Die böhmische Frage. Nehmen wir auch gegenwärtig an allen Wirren und Kämpfen von denen Österreich heimgesucht wird, mehr Anteil als früher, und zwar ans allgemein politischen Gründen, so geht uns doch das Wohl und Wehe unsrer dortigen Stammesgenossen am nächsten an, so weit wir den hie und da auftauchenden Gedanken von uns weisen, das; Deutschland das Recht und die Pflicht habe in die innern Verhältnisse des verbündeten Nachbarstaates hineinzureden. Diese kühle" .Haltung ist uns zu zeiten ebenso verdacht worden, wie '"'s andrerseits Nichtdeutsche jedes Zeichen der Teilnahme verbieten wollten. Dies taun »Mi nicht abhalten, unsre Befriedigung darüber zu anszern, daß m der böhmischen Angelegenheit endlich eine Klärung nnd schon damit eine Wendung znm bessern eingetreten zn sein scheint. Die böhmische Frage ist die österreichische Frage, wurde einmal in diesen Blättern behauptet, und gewiß mit Recht. Denn gelänge ^ nicht, in der größten Provinz der westlichen Reichshälfte geordnete Zustände zu schaffen, vor allem die unbedingte Anerkennung der Swatsgesetze zu erreichen, so köunte mit Grund gefragt werden, ob dieses Reich überhaupt die Bedingungeil der Existenz habe. Gingen aber die tschechischen Träume in Erfüllung, und sehten dann folgerichtig mich die andern slawischen Stämme ihre Forderungen dnrch, so wäre vollends der Zerfall nicht aufzuhalten. Eine Klärung scheint nun, wie gesagt, eingetreten zu sein, uud man muß nur wünschen, daß znm Heile des Reiches "ud des zivilisirten Europas diesmal die Einsicht auch von Ansdaner begleitet sein 'U"'g,e. Denn der Rückblick auf die Geschichte des letzten Menschenalters zeigt klar, d"ß die Hauptschuld au deu heillosen Zustanden in Böhmen das Schwanken der Negiernng ist, die Geueigtheit, um ciues augenblickliche» Erfolges willen verhängnisvolle Zugeständnisse zn machen.
Grenzboten 1 1894 L