Neue Ziele, neue Wege
^. Die Grundlagen unsers Staates
ind wir an dem für uns erreichbaren Ziele angelangt, und wird nun ein neuer Abweg zu neuen Leiden führen? giebt es noch Ziele, und stehen uns noch Aufgaben bevor? So fragten die Grenzboten in der Jnbilüumsnnmmer am 1. Oktober 1891 und antworteten zunächst mit dem Hinweis auf die soziale Frage. Aber diese Autwort bedarf der Erweiterung. Täglich wird es deutlicher, daß die Lösung der Jahre 1866 und 1870 nur eine vorläufige gewesen ist, nnd daß uns daraus neue, riesengroße Aufgaben erwachsen sind, die unsre gesamte äußere und innere Politik umfassen. Die maßgebenden Kreise verschließen vor diesen Aufgaben beharrlich ihre Angen nnd weigern sich, sie anzuerkennen. Daran ist zum Teil die Selbstsucht und Bequemlichkeit der ds-M xossiäentss schuld, zum Teil ein Ideal — wir werden noch Gelegenheit haben, es näher zu bezeichnen —, das sich nicht verwirklichen läßt. Und so beschränkt man sich denn darauf, über deu Verfall des nationalen Gedankens, über die Verblendung der Massen, über die Zerfahrenheit der Parteien, über die Ideen- und Kraftlosigkeit der Regierung zu jammern. Einem Mitarbeiter der Grenzboten, der wiederholt die sozialen Fragen behandelt hat, möge es gestattet sein, jenem Gejammer eine gründliche Kritik der politischen Lage nnd die sich nach seiner Meinung daraus ergebenden Aufgaben und Ziele entgegenzustellen. Die sozialen Verhältnisse bilden einen wesentlichen, vielleicht sogar den wesentlichsten Bestandteil der Lage, aber sie machen keineswegs die ganze Lage aus. Für heute beschränke ich mich auf eine Untersuchung der Grundlagen unsers Staates, wobei ich der Einfachheit wegen das deutsche Reich als Staat betrachte und von den besondern Schwierigkeiten, die aus seiner Gliederung in eine Anzahl halb selbständiger Staatswesen entspringen, ganz absehe.
Grenzboten I 1394 1