Beitrag 
Schein und Wirklichkeit in der Politik
Seite
452
Einzelbild herunterladen
 

452

der Mnchtverhältnisse im Mittelmeer. Da wir schon bei cinderm Anlaß davon in den Grenzboten gesprochen haben, mag heute davon geschwiegen werden.

Endlich und sechstens mehren sich die Anzeichen, daß Zar Alexander III., der mit den Kriegsvorbereitungen zwar Ernst gemacht hat, aber den Krieg nicht will, nicht mehr Herr der Lage in Rußland ist. Der Hof, der bisher führte und die Schlagworte ausgab, steht heute unter dem Einfluß der in hohem Grade erregten öffentlichen Meinung, die nach all den Vorbereituugeu nun auch einen greifbaren Erfolg verlangt, der sich mit Händen fassen, be­rechnen und abwägen läßt. Die Abschlagszahlungen, mit denen diese öffent­liche Meinung zugleich befriedigt und doch auch wieder angestachelt wurde, die völlige Vernichtung der Selbständigkeit und Eigenart aller Grcnzprovinzen. sind verbraucht. Das Zusammeugehen mit Frankreich, das sich so langsam vorbereitete, ist endlich auch Thatsache geworden nun fragt mau, was nun?

Und da tritt sofort die orientalische Frage in den Vordergrund, das glühende Verlangen, die Scharte auszuwetzen, die sich Nußland dnrch seine ebenso treulose wie ungeschickte Politik iu Bulgarien selbst geschlagen hat. Mau will auf diesem Boden einen großen Erfolg erringen und glaubt fertig zu sein, ganz fo Äronixröt, wie andre Leute es auch zu sein glauben. Dabei ist jedoch insofern eine Wandlung zum Bessern eingetreten, als die Vorstellung doch arg erschüttert ist, daß der Weg nach Konstantinopel notwendig dnrch Berlin führen müsse. Erstens hat mau sich überzeugt, daß es ein sehr doruiger Weg wäre, dcmu aber weiß mau, daß der eigentliche Gegner nicht mehr Deutschland, sondern England ist. Und England glaubt man auch in Rußland nicht mehr fürchten zn müssen.

So ist die Lage. Der Leser mag sich selbst einen Vers drauf machen. Der Erkenntnis wird sich Wohl niemand verschließen, daß, wenn auch die positiven, friedenerhaltenden Kräfte sehr stark sind, die negativen, die ihren Vorteil von einem Zusammcnbruch des Bestehenden erwarten, jedenfalls uicht zn unter­schätzen sind.

Die sozialdemokratische Partei und die Gewerkschaften

s gewinnt mehr und mehr den Anschein, als ob die Gegensätze, die auf dem diesjährigen sozialdcmvkratischeu Parteitage zwischen den Führern der politischen Bewegung und den Gewerkschaften« zu Tage getreten sind, für die sozialdemokrntische Partei von noch größerer Bedeutung werden sollten, als die auf rein po­litischem Gebiet auSgefochtene Fehde mit dem staatssozialistisch angehanchteu