Beitrag 
Otto Ludwigs gesammelte Schriften
Seite
186
Einzelbild herunterladen
 

186

Maßgebliches und Unmaßgebliches

Devrient ins Stammbuch schrieb, und die, wenn auf irgend einen, auf ihn selbst auwendbar sind:

Wem Edles soll gelingen/ Muß selber edel sein, Die edeln Reben bringen Von selbst den edeln Wein.

Du hast nicht nur zu lehren Dies Leben treu gestrebt: Du hast, sie zu bewähren, Die Lehre auch gelebt!

Maßgebliches und Unmaßgebliches

Die politische Lage im Mittelmeer. Am 13. Oktober hat die russische Flotte den Franzosen ihren Kronstädter Besuch in Toulon erwidert. Es sind fünf Panzerschiffe gekommen, von denen zwei den Auftrag habeu, gleich nach Ver­lauf der Festlichkeiten ihren Weg durch den Suezkanal iu den Großen Ozean zu nehmen, das dritte ist der russische Stationär im Piräus und soll mit den beiden noch übrigen Pcinzern jene vielbcsprochne russische Mittelmeerflvtte bilden, die ge­wissermaßen als die Krönung des russisch-französischen Bündnisses betrachtet wird. Zwar die dauernde Einräumung eines französischen Hafens an die Russen scheint im Hinblick auf die große Erregung, die iu Eugland sowohl wie in Italien zum Ausdruck kam, als die ersten Nachrichten davon in die Presse drangen, endgiltig oder ist es nicht klüger zu sagen vorläufig? anfgegeben zu sein. Ville- franche oder Ajaccio in russischen Händen zu sehen, mußte allerdings den Italienern als stete Drohung erscheinen, sie wären genötigt gewesen, Gegenmaßregeln zu treffen, und hätten eine Unterstützung bei England suchen müssen, die selbst ein Ministerium Gladstone nicht abschlagen dürfte. So hat man es denn auf russischer wie auf französischer Seite vorgezogen, das Bestehen einer solchen Absicht energisch zu be­streiken, und hat den Plan selbst zunächst ausgegeben. Sehr begreiflich, wenn man weiß, daß beide Mächte ein Interesse daran haben, dem Ministerium Gladstone keine Schwierigkeiten zu bereiten und alles zu vermeiden, was von den Tvrys zum Sturz des Homerulepropheteu ausgebeutet werde» könnte. Qnietistische Ge­müter in England können unter diesen Umständen mit Fug und Recht behaupten, daß der russische Besuch nicht viel zu bedeuten habe, uud daß zwei russische Fahr­zeuge im Mittclmeer an der Gesamtlage nichts änderten. Senden doch auch andre Mächte Schulschiffe ius Mittelmeer, und läßt sich doch schwerlich erwarten, daß es Nußland wagen werde, mit einem kleinen Geschwader, das noch dazu keinen eignen Standort hat, Kriegspolitik zn treiben. Das alles scheint seine Nichtigkeit zu haben und ließe sich noch dahin ergänzen, daß keiu völkerrechtlicher Grundsatz irgend einer Nation verbietet, ihre Fahrzeuge ins Mittelmeer zu schicken, uud daß die mittel­ländischen Staaten dieser Thatsache auch iusofern Rechnung tragen, als sie fremden