Schwarzes Bret
619
nelius Nepos. Sie suchten sofort in der ungenirtesten Weise dem sich sträubenden Kondukteur die Zcihnrndbremse zu entwinden, sodaß dieser sie schließlich gutwillig meinem besondern Freunde Hcirry eine Zeit lang überließ, dieser dann sich wie ein Schiffssteuermann aufstellte und behauptete, daß er mit derselben Geschicklichkeit auch das Staatsschiff lenken würde, wenn die Präsidentenwahl einmal auf seine bescheidne Persönlichkeit fallen sollte.
Jugend hat keine Tugend, dachte ich; dabei gingen mir aber doch wieder die Anfaugsworte des Themistoklcs durch den Kopf: Die Fehler feiner Jugendzeit wurden durch so große Tugenden allsgeglichen, daß keiner ihm vorgezogen, wenige ihm gleichgestellt wurden. Warum sollte auch Hcirry nicht einmal Präsident werden? Zumal mit Lizzie und ihrem reichen Anhang? Es ist eine schöne Sache um das Selbstvertrauen! Hier traut sich jeder junge Mann das Größte zu; iu Deutschland werden sie erzogen, das Haupt gebeugt zu tragen. Und warum tragen sie es gebeugt? warum?
Warum? Hatte es nicht die eiue der beiden jungen Lehrerinnen in all ihrer Backsischunschuld am Ende richtig durchschaut?
Schwarzes Bret
Was sind „die Baden"? Es giebt ein Land Baden, es giebt Orte des Namens Baden, es giebt Badenser oder richtiger Badeuer, aber die Baden? Man weiß, daß die Hohenzollern eins der ruhmreichsten Fürst engeschlechter sind, aber wer ist „die Hohenzollern"? Der Berg, der die Stammburg auf seinem Gipfel trägt, ist doch „der" Hohenzollern. Es ist ein sonderbarer Mißbrauch, Schiffe unsrer Marine mir nichts dir nichts ins weibliche Geschlecht zu verletzen. Man sagt natürlich mit Recht „die Carola" oder „die Viktoria/' aber man sagt doch „der Kaiser" und „der Blitz." Es ist also ebenso abgeschmackt, „die Hohenzollern" zu sagen, wie etwa „die Kaiser." In denZeituugeu heißt es aber jetzt: Das Uuglück auf der „Baden." Warum nicht „aus dem Schiff Baden"? Oder sieht das Panzerschiff Baden nicht so gut aus wie „die Baden"? _
An „Fällen" ist seit Jahr und Tag kein Mangel im deutschen Reiche gewesen. Die Wissenschaft würde stillstehe», wenn Mangel an Fällen einträte, und den Zeitungen würde der Stoff ausgehen, wenn nicht von Zeit zu Zeit ein neuer „Fall" die Spalten füllte. Dem Vorwärts, dem sozialdemokratischeu Zentralorgan, verdanken wir abermals eine Bereicherung unsrer Kenntnisse: es giebt nicht bloß bürgerliche Fälle, wie der Fall Fusangel und der Fall Baare, es giebt auch ndeliche Fälle. „Noch einmal der Fall von Bosse," schreibt der Vorwärts in seiner Nummer vom 29. August. Wie lauge wirds dauern, so bekommt der Fall auch noch einen Titel I Das kann gut werden: der Fall Müller, der Fall von Müller, der Fall Freiherr von Müller.