Beitrag 
Maßgebliches und Unmaßgebliches
Seite
429
Einzelbild herunterladen
 

Litteratur 429

Barfuß. So oft ich im Sommer .Kinder aus der Straße barfuß laufen sehe, beneide ich sie. Wie strotzen die kleinen drallen Füße unter ihrer Schmutz- Hülle von Gesundheit! Da giebt es weder verkrüppelte Zehen, noch emgewcichsene Rngel, noch Hühneraugen. Wenn es sich mit unsern gesellschaftlichen Gewohnheiten vertrüge, ich liefe den ganzen Sommer barfnß. Das schicke ich voraus, um nicht der Schwarzseherei geziehen zu werden. Mir fällt es nämlich auf, daß das Bar- fußiaufeu der Kinder in Leipzig diesen Sommer einen Umfang angenommen hat, wie niemals in den letzten Jahren. Die Kinder barfnß in die Schule zu schicken, ist ja streng verboten. Aber während der vierwöchigen Sommerferien haben sie sich eine Güte gethan, und auch nach den Ferien wird es fröhlich fortgesetzt: sowie der Schulranzen abgeworfen ist, werden Schuhe uud Strümpfe ausgezogen, und nun gelstsbarbs" hinunter auf die Straße! Und da scheint es denn, als ob auch fo manche Mutter, die das früher nicht zugelassen hätte, jetzt nicht mehr so streng in diesem Punkte wäre. Die Straßen sind voll von kleinen Barfüßlern, meist Jungen, aber auch nicht weuig Mädchen, nicht bloß die stilleren Straßen, wo sich die Kinder an schulfreien Nachmittagen uud iu den Abendstunden in ganzen Scharen tummeln, sondern auch die verkehrsreichen Hauptstraße» mit ihren prunkvollen Schnnfenfteru. Eiu köstliches Grvßstndtbild, weuu sich an der schöugeputzteu mes- siugneu Schutzstange eines Schaufensters, hinter dem die teuerste Tcmdelware aus­gebreitet ist, drei oder vier solche turzgeschvrne bloude Barfüßler aufgepflanzt haben!

Was wirkt hier plötzlich? Im allgemeinen gilt es ja fürunanständig," für lüderlich, für schlumpig, seine Kinder barfnß laufen zu lassen. Das liegt ja auch schon iu dem erwähnten Schnlvcrbot ausgedrückt: iu die Schule sollen die Kinder »anständig" gekleidet kommen. Wie kommt es, daß sich so viele jetzt über die »Anständigkeit" hinwegsetzen? Ist die Knnde von der Kneipptnr anch in diese Kreise gedrungen? Oder lockt der glatte Asphalt, auf dem sich, weuu nicht gerade die Scherben einer Petroleumflasche herumliegen, so hübsch radschlagen und seilhüpfen läßt? Oder nimmt wirklich die Dürftigkeit so zn, daß manche, die sonst nnr dem Apotheker ans dem Wege gingen, jetzt anch schon den Schuhmacher zu vermeiden suchen?

Litteratur

Deutsche Grammntik von W. Wilmcinns. Erste Abteilung: Lautlehre. Straßbury,

Karl I. Trübner, l893

Der Verfasser dieser deutschen Grammatik, der ersten vollständigen wissen­schaftlichen dentschen Grammatik seit Jakob Grimm, ist von Haus aus nicht Gram­matiker. Tren und ehrlich berichtet er in der Vorrede, wie erst allmählich seine Beobachtung der grammatischen Studien andrer in lebhafte Teilnahme und Mit­arbeit übergegangen ist, bis er schließlich das ganze Gebcinde, zn dem andre meist die Steine herbeigeschafft und behaucn hatten, hat aufführen können. Daß diese zusammenfassende Arbeit willkommen, ja notwendig gewesen ist, weiß jeder, der einen Einblick in die wissenschaftliche grammatische Thätigkeit der Gegenwart hat.

Die Wilmannssche Grammatik ist keine Darstellung des gesummten deutschen