Zolas neuester Roman
er vielgefeierte und vielgeschmähte Meister des Naturalismus hat soeben eine Natur- und Sittengeschichte einer Familie unter dem zweiten Kaisertum beendigt. Sein Roman I^L vootsur ?ÄS<zg.I bildet den Schlußstein der merkwürdigen litterarischen Katakombe, durch die Zola seit dem Jahre 1871 seine andächtigen Leser geführt hat. Nicht weniger als zwanzig Bände sind notwendig gewesen, um die Sittengeschichte der Familie Rougou-Maequart mit allen ihren Gebrechen nnd Verirrungen ausführlich und wirkungsvoll darzustellen. Solch eiueu umfangreichen Romaneyklus in verhältnismäßig wenig Jahren zu schreiben, dazu gehört entweder die Fruchtbarkeit eines Genies oder die Fertigkeit eines Machers. Zoln hat diese handwerksmäßige Fertigkeit in hohem Grade; er hat seine Romane im Schweiße seines Angesichts gearbeitet. Er hat gearbeitet wie ein Manrer, der sich die Steine znm Bau selbst herbeischleppt uud alles daran setzt, das Haus sobald wie möglich unter Dach zu bringen, der aber mit einen Hause uicht zufrieden ist, sondern mit demselben Banmaterial, nach demselben Grundriß uud in demselben Stile nach einander zwanzig Häuser in einer Reihe aufführt. Daher der einförmige, öde, langweilige Eindruck, den Zolas Romane bei jedem Leser von feinerer litterarischer Bildung zurücklassen. I^ö ArancI äölinit clv N. Aol^., coiuius roirig-uoisr, sagt der bekannte Kritiker Brunetivre, o'vtit äs tatiZusr, <io lassor, cl'enmi^er.
Zola verfügt über eine Reihe sorgfältig ausgeführter „Klischees," die in allen seinei: Romanen mit gewissen Veränderungen nnd Anpassungen wiederkehren. Er hat eiu Klischee für die Schilderung einer lebhaften Straße, er hat andre für die Beschreibung vou Landschaften am Morgen, am Mittag uud am Abend. Er hat Klischees für Zimmereinrichtungen, insbesondre für Schlafstuben; er hat Klischees für Charakteristiken, er hat vor allem Klischees für Liebesszenen, und das sind die wirkungsvollsten i Liebesszenen von dem keuschen Erröten bis znr brutalsten Ausschweifung, von der leisen schüchternen Andeutung bis zur gemeinsten Ausmalung raffinirter Sinnlichkeit. Immer dieselben Ausdrücke, dieselben Wendungen, dieselben Bilder. Die stolze Aufgabe, die Sittengeschichte einer als Typus aufgestellten Familie zu schreiben, hat Zola iu ganz armseliger Weise gelöst. Vou deu gewaltigen geistigen