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Die Versammlung deutscher Historiker in München :
(Schluß)
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Z98 Die Familie Humboldt

Kursus eiue Reihe wertvoller politischer Gedanken uud geschichtlicher Eindrücke mit ius Leben nehmen. Die Einwendung, daß eine solche Einrichtung dem wissenschaftlichen Geiste des Universitätsstudiums widerspräche, kann ich durchaus nicht gelten lassen. Man hält fast an allen medizinischen Fakultäten drei- bis sechswöchentliche Kurse über die verschiedensten Materien, und man hört, daß gerade diese als wertvoll angesehen werden. Sollte die Wissenschaftlichkeit von der Dauer und der Stundenzahl der Vorlesungen abhängen?

Die Familie Humboldt

aus Fmnilieubriefen und Tagebuchblättern wesentlich neues über Wilhelm von Hnmboldt ans Licht kommen würde, dessen Bild schon jetzt als das des Inbegriffs der höchsten geistigen Potenz unter den Zeitgenossen Goethes und Schillers feststand, war nicht zu erwarten. Um so angenehmer fühlte man sich enttäuscht durch das Lebensbild seiner Tochter Gabriele, das, aus den Fcimilien- papiereu Wilhelm von Humboldts und seiner Kinder zusammengestellt, in der Mittlerschen Buchhandlung iu Berlin erschienen ist.") Es wird hier eine große Anzahl kleiner Züge mitgeteilt, die dazu beitragen, sein Bild zu beleben und ihn uns menschlich näher zu bringen.

Voil dem Verkehr mit ihm im allgemeinen schreibt seine Tochter:Man versteht nicht immer das, wovon gerade die Rede ist, weil es einen einzelnen Zweig des Wissens betrifft, allein immer ist etwas allgemeines mit berührt, was Stoff znm Denken giebt, uud wenig Menschen üben daher solch einen wohlthuenden Einfluß aus wie er." Bewunderungswürdig erscheint er auch durch die Gleichmäßigkeit seiner Stimmung. Als er durch Hardenbergs In­triguen aus dem Ministerium gedrängt ist, und ganz Berlin von nichts als von seiner Entlassung spricht, ist erliebenswürdiger als je, und froh, sich in der lange entbehrten Freiheit uach seinem Gefallen beschäftigen zu können." Seine erste Veschäftiguug ist, seine Bücher zu ordnen, und beim Frühstück, mittags und abends hält er Frau und Kinder mit seinen witzigen Einfällen in stetem Lachen. Gegen das Ende seines Lebens bittet er, ihm von Zeit zu Zeit, aber ganz nach Belieben, ein Paket Zeitungen nach Tegel zu schicken: Au den Buchstaben darin liegt mir nichts, aber als Löschpapier und zum Einpacken habe ich sie doch gern." Besonders thut ihm die Einsamkeit wohl;

*) Gabriele vonBülow,^die^> Tochter Wilhelm von Humboldts. Ein Lebensbild. Ans denFmuilieupapierenWilhelm von Humboldts und seiucrKinder. Berlin, E,S. Mittler nud Sohn.