252 Theodor von Berichardis Jugenderinnerungen
fassung in Zukunft gestalten mag, die Zusammenhäufung als solche ist geeignet, schablonenhafte Menschen von verkümmerter Individualität hervorzubringen. Es stünde traurig um die Zukunft des Menschengeschlechts, wenn ähnliche Formen des gesellschaftlichen Lebens auf dem Lande Platz greifen würden ^griffen!^. Nun ist aber gewiß, daß sich die ländliche Entwicklung nicht in der Richtung einer zunehmenden Ausbildung großer Arbeitsgemeinschaften mehr oder weniger sozialistischer Natur bewegt, die deu einzelnen Herabdrücken, sei es min zu Gunsteil weniger bevorzugter, sei es zu Gunsten großer Verbände oder »der Gesellschaft,« sondern in der Richtung fortschreitender Verselbständigung des einzelnen arbeitenden Wirtes und der Einzelfamilie, denen größere Organisationen nur ergänzend zur Seite treten. Das heißt nichts andres als: die Freiheit flüchtet aus den Städten anfs Land — jene wahre Freiheit, die nicht besteht in der Herrschaft beherrschter Majoritäten, sondern sich gründet auf die harmonische Ausbildung der körperlichen und geistigen Kräfte zu geschlossenen Individualitäten, die sich in Selbstzucht und echtem Geineinsinn nach eigner Bestimmung bethätigen."
sSchluß folgt)
Theodor von Bernhardts Iugenoerinnerungen
heodor von Bernhardt war unstreitig einer der bedeutendsten Männer unsrer Zeit. In seiner Person vereinigte er den Historiker mit dem Nationalökonomen, den Kunstkenner mit dem Militärschriftsteller zu einer sest abgeschlossenen Gestalt; seine Lebensschicksale hatten sich ferner so eigentümlich entwickelt, daß die frühe Reife des Urteils wie die völlige Freiheit von Vorurteilen die Grundlage für eine Art historischen Urteils abgeben mußte, die einem auf gewöhnlicher Lebensbahn schreitenden Gelehrten schon sein Bildungsgang unmöglich macht. Ob freilich das große Publikum eine Vorstellung davon hat, was für ein Mann am 12. Februar 1887 aus dem Lebeu schied, muß dahingestellt bleiben: von seinem Hauptwerke, der Geschichte Rußlands — einer der besten historischen Leistungen größten Stils, die unsre Litteratur auszuweisen hat —, ist noch keine zweite Auflage erschiene!!, währeud „Rembrandt als Erzieher" bereits die ein- nndvierzigste Auflage erlebt hat. Man gewinnt, wenn man die Eigentümlichkeiten des deutschen Büchermarktes und des deutschen bücherkaufenden Publikums betrachtet, wirklich deu boruirten Piemontesen Lamarmora lieb, der als italienischer Ministerpräsident die Sendung Bernhardts nach Florenz übel nahm,