Leopold Kümmerlich ^25
Nntionalbildersammlung hätte», warum sollten sie nicht von einem Stamm zum andern wandern? So hat es jahrzehntelang der preußische Staat, sehr znr Förderung des Knnstgeschmacks, mit seiner Kunstausstellung gehalten. Das wäre der Anfang zu einer Dezentralisation des Geisteslebens, die in erster Reihe dem wirklichen Volke zu gute kommen würde.
Leopold Kümmerlich
von dem Verfasser der Bilder aus dem UniversitÄtsleben
er alte Kanzlist Kümmerlich fand an seinem Sohne alles vortrefflich, obgleich Leopold ein Junge von weniger als mittelmäßiger Begabung, geringem. Scharfsinn und dürftiger Phantasie war. Das hatten auch die Lehrer des Gymnasiums gewußt. Aber sie hielten alle Schüler, selbst die unfähigsten, bis obeuhin fest, weil in der kleinen westpreußischen Stadt das Schülermaterial au und für sich erbärmlich war, die obern Klassen immer nur spärlich besetzt waren, nud man im geheimen fürchtete, die Prima könnte dem Ghmnasiuin eines Tags als überflüssig abgekappt werden.
So hatte denn auch Leopold Kümmerlich glücklich die Abgangsprüfung bestanden. Freilich war es ihm nicht leicht geworden, die alte Kletterstange bis zu dem Ende hiuaufzukriechen, wo der Staat als Belohnung den großen Freibrief für alle Karrieren aufgehängt hat. Aber Leopold hatte den Maugel an Begabung durch krampfhaften Fleiß nnd durch unterwürfige Bescheidenheit ersetzt; er wußte die ganze lateinische nnd griechische Grammatik aliswendig, und das machte ihn zum Liebling des Direktors. Zu seinen Lehrern schaute er wie zu Halbgöttern empor, und diese seltne Tugend war mehr wert als alle Begabung.
Ich hatte mein erstes Semester hinter mir nnd hielt mich während der Universitütsferien zu Hause auf. Nach dem Abiturientenexamen besuchte ich meinen alte» Schulkameraden Leopold uud brachte ihm meine Glückwünsche. Der alte Kanzlist war über den Erfolg seines Sohnes außer sich vor Freude. Selbst das „Ungenügend" in der Mathematik störte ihn nicht. Er hatte einmal irgendwo gelesen, daß geniale Menschen gewöhnlich wenig Verständnis s"r inathematische Begriffe hätten. Der Bengel ist ein Genie! sagte er leise seinem Kollegen Hickelbein, als wir mit Leopold zusammen in der goldneu Traube am Kneiptisch saßen. Passen Sie auf, was aus dem wird!