Frau Jenny Treidel
ie neueste Schöpfung (oder sollen wir sagen Arbeit?) des greisen Theodor Fontäne: Frau Jenny Treibet, Roman aus der Berliner Gesellschaft (Berlin, F. Fontane und Kompagnie) ist nach jeder Richtung hin ein Buch, des Lesens, des Nachdenkens und der Erörterung wert, ein Roman, der, was Schärfe des Blicks, Fülle der Beobachtung, Reife des Urteils, Mannichfaltigkeit des gespiegelten Lebens anlangt, wohl ein Meisterwerk genannt zu werden verdient, ein Lebensbild, dessen Treue nicht in Zweifel gezogen werden kann, wie es auch um seine poetische Wirkung stehen mag. Der Roman hat vor den Elends- schildernngen und den Genialitätsfratzen, die jetzt Mode sind, wenigstens das voraus, daß er seine Gestalten nnd Situationen Lebenskreiscn abgewinnt, ans denen nach der Versicherung jüngster Ästhetiker nichts mehr zu holen ist, uud daß er schlicht und ruhig die wunderlichen Verhältnisse darlegt, aus denen sich eine Art von Handlung und jedenfalls eine Reihe fesselnder Vorgänge ergiebt.
Weuu mau will, kaun mau sagen, daß in diesem Berliner Gesellschaftsroman nichts weiter vorgehe als zwei Verlobungen einer Berliner Gymnasialprofessorstochter, von denen die eine still erwürgt nnd begraben wird, während die andre zur Heirat führt. Mit einem Diner, das die erste Verlobung vorbereitet, beginnt, mit einem Hochzeitseffen im Englischen Hause schließt der Roman, und dazwischen liegen nicht Mord noch Selbstmord, nicht Bankerott noch Verbrechen, nicht gewaltsame noch unheimliche Szenen, sondern lauter Alltäglichkeiten: ein gelehrtes Kränzchen im Hause des Gymuasialprofessors, ein paar Unterredungen zwischen dein alten und dem jungen Ehepaar Treibet, ein Ritt uach Treptow, eine Partie nach Halensee, einige Geständnisse der Professorstochter an die alte Haushälterin ihres Vaters, eine Auseinandersetzung zwischen Mutter und Sohn, zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter, zwischen der Titelheldin, ihrem Jugendfreunde und dessen Tochter, der Besuch eines neuernannten Oberlehrers bei seinem Onkel, eine Auseinandersetzung eines Vetters mit seiner von ihm geliebten Cousine — und doch ist eine Fülle von Menschenschicksal, eine bunte Musterkarte gut angelegter und durchgeführter Gestalten, eine außerordentliche Kenntnis des äußern und innern